Donnerstag, 5. Mai 2016

Die Regeln der Form


Es ist immer einfach, das Unbekannte zu erklären, indem man das Walten einer übermenschlichen und eigenmächtigen Kraft postuliert. Das ist ein sehr menschliches Phänomen.
Isaac Asimov

Das Problem liegt nie sosehr darin, einen Schlüssel oder zwei oder drei oder n Schlüssel zu finden, sondern eine Sprache zu sprechen, welche der Joker Rechnung trägt.
Michel Serres


Es lässt sich heute eine weit verbreitete Faszination an Paradoxien aller Art beobachten. Das gilt nicht nur für systemtheoretische und postmoderne Ansätze, sondern gesamtgesellschaftlich – unabhängig davon ob sich diese Faszination aus einer Vorliebe oder aus der Ablehnung paradoxer Formulierungen ergibt. Das liegt möglicherweise daran, dass sich aus dem Umgang mit Paradoxien sehr viel über Kommunikation und damit unter anderem auch über die Funktionsweise der Gesellschaft erfahren lässt. Im Zuge dieser Beschäftigung mit Paradoxien kam es jedoch zu einer Distanzierung, Ironisierung, Relativierung und Dekonstruktion sehr vieler sinnhafter Orientierungspunkte in Form von sozial geteilten Semantiken. Egal wie es geschieht, in jedem Fall wurde den kritisierten Semantiken ihre soziale Funktion abgesprochen. Stattdessen hält man nun die Paradoxie selbst für den neuen Orientierungspunkt. Damit wurde allerdings semantischer Beliebigkeit und Willkür der Weg bereitet, was die sozialen Verstehens- und Verständigungschancen minimiert und das Konfliktpotential ebenso stark erhöht hat. 

Man kann diese Faszination an Paradoxien aber auch als ein Interesse an Negativität interpretieren. Dann kann man vermuten, dass dieses Interesse möglicherweise ein gewisses Bedürfnis nach Transzendenz befriedigt. In vormodernen Zeiten konnten sich für dieses Thema noch die Religionen zuständig erklären und gleichsam ein Diskursmonopol beanspruchen. In der entzauberten Welt der Moderne füllt die Psychologie die entstandene Lücke mehr schlecht als recht aus. Statt dabei zu helfen, die innere Widersprüche zu lösen, belässt sie es häufig bei der Pflege dieser Widersprüche. Hauptsache man ist wieder genussfähig, wenn man schon nicht funktioniert. Funktionieren dürfen die Anderen. Die postmoderne Bewegung konnte nach der wissenschaftlichen Entzauberung der Welt nur noch einen allgemeinen Sinnverlust beklagen. Wobei man den Verdacht nicht los wird, dass lediglich der Verlust der eigenen Illusionen beklagt wird. Die Lösung sieht die Postmoderne in der Flucht in die Subjektivität. Widerspruchsfreiheit lässt sich aus der postmodernen Perspektive offenbar nur noch durch die narzisstische Besetzung der Welt erreichen, um das Leiden an ihr zu lindern. Die Kontingenz anderer Perspektiven dient nur zur zweifelhaften Begründung, sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Umso radikaler werden dann andere Perspektiven abgelehnt, obwohl man sich zugleich nach Diversität sehnt. Das sorgt für einige Unruhe.

Der naive Umgang mit Paradoxien ist heute sehr weit verbreitet und hat sich zu einer Art sozialen und psychischen Reflexions- und Entwicklungsblockade entwickelt. Diese geistige Verwahrlosung führt derzeit zur Verhärtung der Frontlinien. Die Sozial- und Geisteswissenschaften haben, indem sie sich für politische Zwecke einspannen ließen, auch ihren Teil dazu beigetragen, dass es so weit kommen konnte. Speziell deren Beitrag lässt sich zum großen Teil durch das Fehlen einer Theorie über Negativität erklären. Das politische Engagement ist nur eine Verlegenheitslösung, um mit diesem Defizit umzugehen. Es gibt viele Vermutungen, Hoffnungen und Befürchtungen über Negativität. Aber eine ausgearbeitete Theorie steht nicht zur Verfügung. Selbst den für Paradoxien sensibilisierten Systemtheoretikern ist das nicht gelungen. Bisher fehlte auch ihnen jegliches Problembewusstsein. 

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso notwendiger dem Thema Negativität mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Der folgende Text ist eigentlich ein Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit George Spencer-Browns »Gesetze der Form« (1999 [1969]). Der Fokus liegt aufgrund der geschilderten Probleme auf der Funktion von Negationen und Negativität für Beobachtungs- bzw. für Erkenntnisprozesse. Negationen und Negativität sind erst an zweiter Stelle ein kommunikationstheoretisches Problem. Zu aller erst sind sie kognitionswissenschaftliche und erkenntnistheoretische Probleme. Auf derselben Ebene ist die im Folgenden vorzustellende Beobachtungstheorie angesiedelt. Der Ausgangspunkt ist die Frage: für welches Problem kann Unterscheiden als Lösung betrachtet werden? Diese Frage wurde trotz des funktionalistischen Ansatzes in der neueren soziologischen Systemtheorie bis heute nicht gestellt. Dieser Text konzentriert sich auf die Beantwortung dieser Frage. 

Als Erstes wird die Quintessenz des Textes vorgestellt, welche ich als die »Regeln der Form« bezeichne. Spencer-Browns »Gesetze der Form« sind keine strenge Theorie über Negativität. Sie erlauben es aber mit Negativität zu kalkulieren. Etwas Ähnliches versuche ich mit den »Regeln der Form«  allerdings ohne einen neuen Kalkül zu präsentieren. Es geht nicht darum Spencer-Browns Kalkül zu ersetzten. Es soll lediglich ein anderer Blick auf das Problem der Negativität geworfen werden. Auch bei den »Regeln der Form« handelt es sich nicht um eine Theorie über die Funktion von Negativität, sondern um Anweisungen für den Umgang mit Negativität bzw. mit Nichts. Die Theorie, die diesen Regeln zu Grunde liegt, wird in den nachfolgenden Erläuterungen vorgestellt. 

Negativität wird darin als Unterschiedslosigkeit begriffen. Ohne Unterschiede, die Unterschiede machen, kann es weder Informationen noch Sinn geben. Die Lösung für das Problem der Unterschiedslosigkeit ist dementsprechend Unterscheiden. Es kann aber nicht nur darum gehen, dass unterschieden wird, sondern wie unterschieden wird. Anhand des Umgangs mit Unterschiedslosigkeit werden drei Beobachtungsweisen voneinander unterschieden. Im Zuge dessen wird außerdem gezeigt, dass der Umgang mit Unterschiedslosigkeit eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von komplexen Beobachtungsformen spielt. Der strikt an der Beobachtung von Veränderungen und Entwicklungen orientierte Ansatz erlaubt es am Schluss eine evolutionäre Beobachtungstheorie anzudeuten.

Mittwoch, 19. August 2015

Über Amok und Terror



Jetzt erleben wir diese neue Phase des alten Kampfes, der nicht mehr Kampf der heute vom Leben gefüllten Form gegen die alte, leblos gewordene ist, sondern den Kampf des Lebens gegen die Form überhaupt, gegen das Prinzip der Form.
Georg Simmel*
           

Sterben ist nichts Besonderes. Das Knifflige ist das Leben.
Red Smith


Das Jahr 2015 ist noch längst nicht vorbei, aber bereits jetzt kann man wohl ohne zu übertreiben sagen, dass dieses Jahr unter den Zeichen von Amok und Terror steht. Man denke nur an den blutigen Überfall auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« am 7. Januar 2015. Am 24. März 2015 wurde die Germanwings-Maschine 4U9525 durch den Copiloten in voller Absicht zum Absturz gebracht und kostete weitere 149 Menschen das Leben. Am 17. Juni 2015 wurden neun Mitglieder einer schwarzen Kirchengemeinde in Charleston von einem 21jährigen Weißen erschossen. Als Motiv gab er Rassismus an. Am 26. Juni 2015 ereigneten sich an einem Tag Anschläge in Frankreich, Tunesien und Kuweit mit mutmaßlich islamistischem Hintergrund. Rätsel gibt speziell der Fall von Saint-Quentin-Fallavier nahe Lyon auf, da die Tat viele Merkmale islamistischer Anschläge trägt und der Täter sich zunächst auf den Islam berief, später aber diese Angabe wieder revidierte. Es steht zu befürchten, dass sich zum Jahresende noch weitere Ereignisse dieser Art aufzählen lassen. Betrachtet man darüber hinaus ähnliche Ereignisse, wie die islamistische Anschlagsserie in Midi-Pyrénées im Jahr 2012 so scheint es immer schwieriger zu werden Terroranschläge und Amoktaten voneinander zu unterscheiden. Die Vorbereitung und die Ausführungsmodi werden ähnlicher und man kann nicht genau sagen, ob es sich bei Amokläufen um privatistischen Terror einzelner Personen und bei Selbstmordanschlägen um ideologisch verbrämte Amokläufe handelt.

Die Grenzen scheinen zu verschwimmen. Die bekannten Kategorien zur Beobachtung solcher Phänomene erlauben anscheinend keine eindeutige Bestimmung mehr. Auf der Grundlage dieses Eindrucks wird nun von einigen Beobachtern die Vermutung geäußert, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Amok und Terror gibt. Einzeltäter, wie Amokläufer und Terroristen, werden als »Hybride« (Kron/Heinke 2011, S. 284) bezeichnet, um auf das Versagen der bekannten Kategorien aufmerksam zu machen. Sofern man nicht über die reine Deskription hinausgeht, ist dieser Eindruck durchaus nachvollziehbar. Bedeutet das aber schon, dass diese beiden Kategorien ihren Zweck verloren haben? Funktionieren sie wirklich nicht mehr zur Beobachtung der sozialen Wirklichkeit? Aus einer solchen Schlussfolgerung würden sich zwei Konsequenzen ergeben. Man kann dann entweder behaupten, es gäbe weder Amok noch Terror oder es gäbe sowohl Amok als auch Terror. Aber was wäre mit diesen Lösungen gewonnen?

Diese Frage wird umso dringlicher, wenn nicht ersichtlich ist, welche Kategorien an ihre Stelle treten sollen. Die Rede von »Hybriden« scheint lediglich eine Verlegenheitslösung zu sein, die sich mit einem Missstand abgefunden hat. Sie weist lediglich darauf hin, dass sich bestimmte Unterscheidungen offenbar nicht mehr dazu eignen, einen Unterschied zu markieren, der einen Unterschied macht. Gelöst wird dieses Problem durch die Rede von »Hybriden« jedoch nicht. Vielmehr werden unter diesem Begriff die verschwimmenden Kategorien zusammengezogen ohne dass dadurch das Gemeinsame im Verschiedenen bezeichnet wird. Das Gemeinsame scheint sich im Verschiedenen zu erschöpfen. Mit der Rede von »Hybriden« ist keine Abstraktions- bzw. Generalisierungsleistung verbunden, ein Erkenntnisgewinn nicht ersichtlich. Sie scheint stattdessen erst das herbeizuführen, von dem angenommen wird, das es ein Merkmal der sozialen Wirklichkeit ist. 

Daher ist der Eindruck, dass vormals distinkte Kategorien zu verschwimmen scheinen, noch längst kein Hinweis auf neue Qualitäten der beobachteten Phänomene, sondern lediglich ein Hinweis auf die Schwachstelle der beobachtenden Theorie, die nicht mehr in der Lage ist die Komplexität der beobachteten Phänomene angemessen begrifflich zu erfassen. Vielleicht müssen gar keine neuen Kategorien erfunden, sondern die alten einfach nur sorgfältiger ausgearbeitet werden? Zu einfach gestrickte Kategorien werden sehr schnell durch den Gegenstand, den sie bezeichnen sollen, ad absurdum geführt. Diesem Problem kann man nur Herr werden, wenn man die Beobachtungsmittel anpasst. Sei es durch Differenzierung der Bezeichnung zu einer Beschreibung, sei es durch das Oszillieren zwischen zwei Begriffen (vgl. Luhmann 1992, S. 124), um beide in Abhängigkeit voneinander in einer konditionierten Koproduktion (vgl. Spencer Brown 1997 [1969], S. IXf.) zu differenzieren. Letzteres soll im Folgenden versucht werden. Hier wird der große Vorteil der soziologischen Systemtheorie zum Tragen kommen, nämlich dass man die Phänomene mit einer komplexen Erwartungshaltung konfrontieren und die interessierenden Phänomene methodisch kontrolliert de- und rekonstruieren kann.

Samstag, 23. August 2014

Die Beobachtung der Beobachtung 3.3 – Wissen in der modernen Gesellschaft

Im vorletzten Beitrag wurde Niklas Luhmanns Theorie funktionaler Differenzierung kommunikationstheoretisch rekonstruiert. Diese Rekonstruktion bildete den theoretischen Hintergrund, vor dem im letzten Beitrag die Multifunktionalität der Kommunikation als Problem soziologischer Theoriebildung behandelt wurde. Diese Probleme wurden am Beispiel poststrukturalistischer und postmoderner Theorien im Anschluss an Michel Foucault verdeutlicht. Es muss allerdings betont werden, dass es nicht nur speziell um die Diskusanalyse von Foucault geht. Wenn von postmoderner Theorie die Rede ist, wird damit ein Theoriekomplex bezeichnet, der sich durch die im letzten und diesem Text dargestellte Form der Beobachtung bzw. Aufmerksamkeitsfokussierung auszeichnet. Es zählt die Form der Beobachtung und nicht die Selbstbeschreibung. Deswegen wird zum Beispiel auch die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour dazu gezählt. Obwohl sich Latour selbst nicht als postmodern beschreibt, entspricht seine Theorie genau der Beobachtungsweise, die hier als postmodern beschrieben wird. Mithin betrifft dies viele Ansätze mit macht- oder wissenskritischen Ansprüchen. Obgleich sich diese Ansätze nicht durchgängig als Sozialwissenschaften verstehen, werden damit aber Aussagen über den Phänomenbereich gemacht, für den üblicherweise die Sozialwissenschaften zuständig sind. Der letzte Text konzentrierte sich vor allem auf die Implikationen des diskursanalytischen Machtbegriffs. Als Ergebnisse der Untersuchung konnte unter anderem festgehalten werden, dass postmoderne Theorien keine wissenschaftlichen, sondern politische Zwecke verfolgen, dadurch systematisch eine wissenschaftliche Arbeit hintertreiben und schließlich, dass sie lediglich ein Mittel sind die persönliche Inferiorität zu bestätigen und ihr Ausdruck zu verleihen. Es geht nur darum eine Differenz im Erleben im Vergleich zu anderen Personen zu betonen. Poststrukturalistische und postmoderne Ansätze sind außerdem mit so vielen begrifflichen Verwechslungen durchsetzt, dass sie als schizogene Semantik betrachtet werden müssen. Wer seine Aufmerksamkeitsfokussierung daran orientiert, wird früher oder später mit erheblichen Störungen des eigenen Erlebens und Handelns kämpfen müssen. 

Auch dieser Beitrag wird sich mit den Problemen postmoderner Theorien beschäftigen. Eine grundlegende Annahme postmoderner Theoriebildung im Anschluss an Foucault besteht in der Prämisse „Wissen ist Macht“. Um einen Teil dieser Prämisse drehte sich bereits der letzte Beitrag. In diesem Beitrag wird es nun um die postmoderne Theorie des Wissens im Anschluss an Jean-François Lyotard gehen. Sie wird einer Art Revision unterzogen, um eine Theorie des Wissens in der modernen Gesellschaft zu entwickeln. Dafür wird es notwendig sein von der Theorie funktionaler Differenzierung zur allgemeinen Theorie sozialer Systeme zu wechseln, denn Wissen ist ein so allgemeines Erfordernis für die Koordination des menschlichen Erlebens und Handelns, dass es nicht auf einzelne Funktionssysteme, wie die Wissenschaft, begrenzt ist.

Schon der letzte Text verfolgte das allgemeinere Ziel, die Funktionsweise der Negation für die Sinnkonstitution zu erkunden. Dieses Ziel wird auch mit diesem Text weiterverfolgt. Die postmoderne Theorie des Wissens bietet hierfür einen guten Untersuchungsgegenstand, weil sie, das ist die These dieses Textes, das Problem des Sinnverlustes durch die Art der Theoriebildung erst selbst erzeugt und keine Lösungen dafür anbieten kann. Der Fokus postmoderner Beobachtungen liegt auf der Problembetrachtung. Diese Art der Beobachtung wird auch als Sthenographie bezeichnet. Dadurch wird die postmoderne Theorie Teil des Problems, das sie beschreibt. Der Grund dafür liegt in der Überbetonung der Performativität der Kommunikation. Methodisch wird nur noch der Form der Mitteilung, aber nicht mehr den mitgeteilten Informationen Aufmerksamkeit geschenkt, um die Frage zu klären, wie erfolgreiche Kommunikation funktioniert. Dieses Problem wird von Lyotard und anderen als Legitimationsproblem behandelt. Die Überbetonung der Performanz führt allerdings zu einer Fehleinschätzung der sozialen Funktion der Kritik, die sich in Lyotards Fassung nur in radikaler Negation erschöpft. Ziel der Kritik soll eigentlich die Veränderung der Gesellschaft sein. Postmoderne Kritik führt jedoch in letzter Konsequenz zur Zerstörung des Wissens und zum Sinnverlust. Eine Veränderung der Gesellschaft wird in dieser Perspektive zu einer Unmöglichkeit.

Dem gegenüber soll hier eine Theorie über die Funktion des Wissens in der modernen Gesellschaft entwickelt werden. Wissen wird hier nicht nur als beständig mitlaufende, wechselseitige Erwartung der Kommunikationspartner behandelt (vgl. Luhmann 1990, S. 122), sondern darüber hinausgehend als ein Ergebnis von Differenzierungsprozessen. Das soll heißen, der Prozesscharakter der Gesellschaft rückt im Folgenden stärker in den Mittelpunkt. Gerade im Vergleich zu postmodernen Theorien des Wissens wird sich zeigen, dass Wissen nicht mit dem Kommunikationsmedium Macht gleichgesetzt werden kann, sondern dass Wissen in die Lage versetzt Veränderungen anzuregen – egal ob in Bezug auf soziale Systeme, psychische Systeme oder deren Umwelten. Nur durch Wissen ergibt sich überhaupt die Möglichkeit etwas verändern zu können. Solche Möglichkeiten werden durch die Art postmoderner Aufmerksamkeitsfokussierung systematisch verhindert. Im Zuge der Untersuchung wird nicht nur ein Gegenentwurf zum postmodernen Wissen entwickelt, sondern auch einige Beobachtungen des vorherigen Beitrags aus einer anderen Perspektive nochmals bestätigt.

Samstag, 8. März 2014

Die Beobachtung der Beobachtung 3.2 – Die Multifunktionalität der Kommunikation als Problem soziologischer Theoriebildung



Der letzte Text schloß mit der Annahme, dass man für die Unterscheidung verschiedener Kommunikationsformen seine Aufmerksamkeit auf die Form der Codierung der Kommunikationsangebote richten muss. Man wird, mit anderen Worten, auf die Sozialdimension des Sinns verwiesen und damit auf Kommunikationstheorie inklusive der Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. Es kann, mit anderen Worten, nicht nur um die Feststellung gehen, dass kommuniziert wird, sondern um die Frage, wie kommuniziert wird. Systemtheoretische Arbeiten der letzten Jahre haben sich zu wenig mit der Frage beschäftigt, wie kommuniziert wird, und sich lediglich mit der Feststellung begnügt, dass Kommunikation kommuniziert. Die systemtheoretische Aufmerksamkeit hat sich auf die bloße Verifikation dieser Tautologie fixiert, ohne dass es gelungen ist diese Tautologie zu paradoxieren und zu entfalten. Die Konzentration lag zu stark auf der Sachdimension des Sinns. Es ging lediglich darum den systemtheoretischen Gesellschaftsbegriff über Luhmann hinausgehend präziser zu bestimmen. Damit wurde allerdings ein Großteil des analytischen Potentials des durch Luhmann zur Verfügung gestellten Begriffsapparates verschenkt, denn man hat sich nur mit der Theorie aber kaum mit der Gesellschaft beschäftigt. Diese Theorieentscheidung führte zur Aufgabe des Theorems funktionaler Differenzierung (vgl. Karafillidis 2009, Baecker 2013), was aus der hier angelegten Perspektive weniger als Weiterentwicklung, sondern eher als Rückbau von Luhmanns Gesellschaftstheorie erscheint. Man hat sich lediglich damit begnügt die paradoxe Konstitution von Kommunikation offenzulegen, was hier im Anschluss an Luhmann als Sthenographie (vgl. 1991) bezeichnet wird, ohne sich dafür zu interessieren, welche Formen der Entparadoxierung die Gesellschaft für die einzelnen sozialen Probleme gefunden hat, die im letzten Text rekonstruiert wurden. Mit anderen Worten, die systemtheoretischen Ansätze nach Luhmann haben sich lediglich darauf kapriziert die Selbstreferenz der Kommunikation zu beobachten und blieben dadurch selbst eigentümlich selbstreferentiell in ihrer Beobachtungsweise.

Donnerstag, 28. November 2013

Die Beobachtung der Beobachtung 3.1 – Funktionale Differenzierung



In den ersten beiden Teilen der Reihe „Die Beobachtung der Beobachtung“ wurde der Beobachtungsbegriff, wie er von Niklas Luhmann ab seinem ersten Hauptwerk „Soziale Systeme“ (1984) entwickelt wurde, weiter präzisiert. Ausgangspunkt war die Annahme, dass der Kommunikationsbegriff und der Beobachtungsbegriff [1] innerhalb von Luhmanns Systemtheorie stärker gegeneinander differenziert und integriert werden müssen, denn die theoretische Beziehung der beiden Begriffe zueinander war noch zu diffus. Diese Unklarheit ist allerdings nur ein Symptom und verweist auf die grundlegendere, theoretische Beziehung zwischen psychischen und sozialen Systemen. Frühere Ansätze unterschieden hier noch zwischen intrapersonaler und interpersonaler Kommunikation (vgl. Ruesch/Bateson 2012). Luhmann reservierte den Kommunikationsbegriff aber für die Operationen sozialer Systeme, also  für interpersonale Kommunikation. Somit können die Operationen psychischer Systeme nicht als Kommunikation bezeichnet werden. Um diese Kluft überbrücken zu können, entwickelte Luhmann den Begriff der Beobachtung [2]. Dieser schloss an die „Laws Of Form“ (1997) von George Spencer-Brown an. Spencer-Brown entwickelte die „Laws Of Form“ aus zwei Annahmen, die er als gegeben voraussetzt: die Idee der Bezeichnung und der Idee der Unterscheidung. Das, was Spencer-Brown als Form bezeichnet, ist die Einheit von Unterscheidung und Bezeichnung. Demnach, kann man nichts bezeichnen ohne eine Unterscheidung zu treffen. Deswegen beginnt Spencer-Brown die Entfaltung der „Laws Of Form“ mit der Anweisung: triff eine Unterscheidung! Jede Unterscheidung besteht allerdings aus zwei Seiten. Eine Bezeichnung muss sich von etwas unterscheiden. Das ist immer die andere Seite der Unterscheidung, die auch immer eine Bezeichnung ist. Operativ kann immer nur eine Seite der Unterscheidung realisiert werden. Trotzdem ist die andere Seite imaginär mit appräsentiert. Luhmann bezeichnet dann die Aktion eine Unterscheidung zu treffen, um etwas zu bezeichnen, als Beobachtungsoperation. Da man aber nicht zwei Bezeichnungen auf einmal realisieren kann, sondern nur nacheinander, ist Zeit notwendig, um die andere Seite der Unterscheidung zu bezeichnen. Unterscheidungen sind daher nichts Statisches. Sie können nur temporalisiert gedacht werden. Beobachten vollzieht sich als Oszillieren zwischen den beiden Seiten der Unterscheidung.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Die Beobachtung der Beobachtung – Exkurs über Massenmedien



Die Entstehung der Massenmedien ist möglicherweise nur das Ergebnis einer nachlaufenden technischen Entwicklung der Verbreitungsmedien, die den Anforderungen der modernen funktional differenzierten Gesellschaft noch nicht genügte. Das ändert sich nun mit den Möglichkeiten, die das Internet als technische Infrastruktur für Informationsverbreitung bietet. Aktuell geht man noch von der Annahme aus, dass die soziale Evolution der technischen Entwicklung hinterherrennt, so z. B. Dirk Baecker mit seiner next society (vgl. 2007). Das was er als nächste Gesellschaft beschreibt, wird hier als eine Beschreibung der modernen Gesellschaft interpretiert. Der Vorschlag lautet die umgekehrte Variante zu testen: die technische Entwicklung läuft der sozialen Entwicklung hinterher. Das Internet ist das Verbreitungsmedium der modernen Gesellschaft und verhilft ihr erst dazu ihre Möglichkeiten voll zu entfalten. Es bricht die Gatekeeperfunktion der etablierten Massenmedien und eröffnet den Kampf um die Deutungshoheit zwischen all jenen, die sich berufen fühlen Experte für ein bestimmtes Thema zu werden. Mit anderen Worten, das Internet hat den Kampf um Aufmerksamkeit erst richtig eröffnet.

Dienstag, 24. September 2013

Ein Jahr Beobachter der Moderne



Liebe Leserinnen & Leser,



heute möchte ich aus meiner üblichen Rolle fallen und statt in der distanzierten man-Schreibweise in eine subjektive Schreibweise wechseln. Der Anlass ist der erste Jahrestag dieses Blogs. Genau vor einem Jahr, am 24.09.2012, habe ich den ersten Text „Politik meets The Big Bang Theory oder Warum die Piratenpartei nicht politikfähig ist“ veröffentlicht. Was ich damals zum politischen System im Allgemeinen und zur Piratenpartei im Speziellen geschrieben habe, hat jetzt so kurz nach der Bundestagswahl nichts an Aktualität verloren. Hinsichtlich der Piratenpartei darf man gespannt sein, ob die zur nächsten Bundestagswahl überhaupt nochmal antritt. Doch zu einem freudigen Anlass, wie einem Jubiläum, ist Politik das falsche Thema, denn es regt nur unnötig auf. Deswegen gehe ich darauf an dieser Stelle nicht weiter ein.

Freitag, 21. Juni 2013

Die Beobachtung der Beobachtung 2 - Kommunikation und Image



 Das gemeinsame Band zwischen ‚uns‘ kann der andere sein.
Ronald D. Laing*



Im letzten Blog-Beitrag wurde ausgiebig Gorgonenbetrachtung betrieben. Gorgonenbetrachtung bezeichnet im Anschluss an Niklas Luhmann den Umgang mit Paradoxien (vgl. 1991). Zuletzt wurde herausgearbeitet, dass Paradoxien als nicht-eliminierbare Identitätsprobleme jeglicher Informationsgewinnung und –verarbeitung durch Beobachten zugrunde liegen. Der Grund dafür findet sich in der paradoxen Konstitution der Beobachtung als basaler Operation von sozialen und psychischen Systemen. Diese Operation ist das Beobachten im Sinne des Bezeichnens mit Hilfe einer Unterscheidung. Versucht man nun diese Operation selbst zu beobachten, also zu unterscheiden und zu bezeichnen, dann wird das weitere Beobachten blockiert. Genau das wurde im letzten Beitrag getan. Man trifft an diesem Punkt auf die Selbstreferenz der Unterscheidung als sachliche, soziale und zeitliche Paradoxie der Form. Einige der dabei auftretenden Probleme für die Informationsgewinnung und –verarbeitung beobachtender Systeme wurden aufgezeigt. Bei der Beobachtung der Beobachtung als Anwendung einer Unterscheidung auf sich selbst trifft man auf eine für die weitere Entwicklung bzw. Differenzierung eines Systems wichtige Bifurkation. Bei der Selbstreflektion kommt es entweder zum re-entry, des Wiedereintritts der Unterscheidung auf ihrer Innenseite. Das System kann auf diese Weise seinen eigenen blinden Fleck beobachten und Lernen. Durch Selektion und Restabilisierung gelingt es einem System sich selbst zu ändern.

Dienstag, 9. April 2013

Die Beobachtung der Beobachtung



Die letzten beiden Beiträge enthielten unter anderem die Beobachtung, dass sowohl die neueren soziologischen Systemtheorien als auch andere soziologische Theorien gegenwärtig des Öfteren durch einen Beobachtungsstil gekennzeichnet sind, den Niklas Luhmann als Gorgonenbetrachtung bezeichnete  (vgl. 1991, S. 58). Gorgonenbetrachtung bezeichnet den Umgang mit Paradoxien. Luhmann versuchte verschiedene Möglichkeiten mit Paradoxien umzugehen anhand der mythologischen Figuren der Gorgonen zu unterscheiden. Die Gorgonen sind die drei schrecklichen Schwestern, deren Häupter mit Haaren aus Schlangen besetzt sind. Jeder, der sie anblickt, wird zu Stein erstarren. Diese Erstarrung ist das Risiko, dem man sich aussetzt, wenn man versucht die Gorgonen zu betrachten. Und dieses Risiko besteht im übertragenen Sinne ebenso, wenn man versucht Paradoxien zu beobachten. Es gibt jedoch verschiedene Möglichkeiten mit diesem Risiko umzugehen. Jede der drei Schwestern steht für eine bestimmte Form mit diesem Risiko umzugehen.

Medusa, die einzige Sterbliche im Bunde der Drei, konnte durch Enthauptung getötet werden. Auf Paradoxien bezogen, bedeutet das, Paradoxien auszuschließen bzw. zu vermeiden. Für diese Form des Umgangs mit Paradoxien stand die Tradition der Logik, deren Bemühungen sich darauf konzentrierten Systeme von Aussagen widerspruchsfrei zu halten. Die Zweite im Bunde ist Stheno. Ihre Unsterblichkeit zeigt an, dass das Risiko der Erstarrung nicht zu eliminieren ist. So steht man lediglich vor der Wahl sich abzuwenden und der Erstarrung zu entgehen oder man schaut sie an und erstarrt. Für diese Form des Umgangs mit Paradoxien steht die Tradition der Theologie mit ihren Versuchen Gott zu beobachten. Wobei das Kunststück darin besteht, das Unbeobachtbare, das Transzendentale – nämlich Gott – zu beobachten, was allerdings dann doch wieder zu sehr ambitionierten Formen führte, dies zu tun. Auch die Beobachtungsgewohnheiten postmoderner Theorien haben sich darauf spezialisiert Paradoxien zu beobachten. Doch im Gegensatz zur Theologie beschränken sich diese Theorien darauf das Paradox offen zu legen und sich an ihrer hypnotischen Macht zu berauschen. In den Bann von Stheno gezogen, lässt man alle Hoffnung fahren. Die Schockstarre kann jedoch selbst wieder zu ungeheurer, infantiler Geschwätzigkeit führen. Die undifferenzierte Textproduktion der Postmodernen dient dann nur noch dem Versuch andere mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten anzustecken. Die dritte Schwester ist schließlich Euryale. Auch sie kann nicht getötet werden. Euryale steht jedoch für den Versuch trotz ihrer Existenz nicht zu erstarren. Statt sich auf die Beobachtung der Paradoxie zu konzentrieren, versucht man kreative Möglichkeiten zu finden die Paradoxie zu invisibilisieren. Für diese Form des Umgangs mit Paradoxien steht die Tradition der Rhetorik. Paradoxieentfaltung bedeutet dann Unterscheidungen anzusetzen um das scheinbar Sinnlose in eine sinnvolle Form zu überführen.

Im Umgang mit Paradoxien hat sich der Versuch sie auszuschließen als wenig fruchtbar erwiesen. Selbst nach der Enthauptung behält der Kopf der Medusa seine versteinernde Wirkung. Also muss man sich wohl oder übel mit der Aussichtlosigkeit der Tötungsversuche abfinden. Das Erstarrungsrisiko ist universell, denn das Problem der Paradoxien ist universell. Man kann sie nicht ausschließen, man kann lediglich versuchen mit ihnen umzugehen. So bleibt nur die Alternative zwischen Erstarrung oder Wegschauen, zwischen Paradoxiebetrachtung oder Paradoxieentfaltung, zwischen Sthenographie oder Euryalistik. Die Ursache für Sthenographie ist aber nicht zuerst in den betroffenen Theorien zu suchen. Mit diesem Problem ist die Gesellschaft als Beobachtungsobjekt selbst behaftet und gilt zuerst für Gesellschaft als Prozess. Versteht man unter Gesellschaft die Gesamtheit der stattfindenden Kommunikationen, bezieht sich das auf die einzelnen Ereignisse durch die sich die Gesellschaft als soziales System reproduziert. Kommunikation, und damit auch Gesellschaft, ist unabhängig von jeglicher funktionalen Spezialisierung paradox konstituiert, wenn man sie zugleich als ein sich selbst beobachtendes System begreift. Das Problem liegt dann bereits in der paradoxen Konstitution ihrer Operationen als Beobachtungen (vgl. Luhmann 1993).

Mit diesem Problem muss auch eine wissenschaftliche Disziplin umgehen, die sich der Erforschung sozialer Prozesse verschrieben hat – und das in doppelter Weise. Zum einen ist der Beobachtungsgegenstand Gesellschaft mit diesem Problem behaftet. Die Beobachtung der Gesellschaft kann zum anderen nur in der Gesellschaft stattfinden. Die Soziologie ist wiederum ein Teilsystem im funktionalen Subsystem der Wissenschaft der Gesellschaft und operiert damit in der Gesellschaft. Sie kann keinen archimedischen Punkt außerhalb der Gesellschaft einnehmen und sich wie ein externer Beobachter verhalten. Die soziologische Beobachtung der Gesellschaft ist nur in der Gesellschaft mit den Mitteln der Gesellschaft möglich (vgl. Luhmann 1997, S. 1128ff.). Die Soziologie ist daher auch selbst von diesem Problem betroffen, auch sie ist paradox konstituiert. Jeder Versuch sich trotzdem wie ein externer Beobachter zu verhalten, kommt dem Versuch gleich Medusa zu köpfen.

Das universelle Problem der paradoxen Konstitution der Gesellschaft muss damit also auch bei soziologischer Theoriebildung beachtet werden. Doch wenn man sich die aktuellen Theorieangebote anschaut, fällt bei einem Großteil die fehlende Sensibilität für dieses Problem auf. Statt sich an kreativer Paradoxieentfaltung zu versuchen, beschränkt man sich bei der Theoriebildung darauf soziale Probleme auf tautologische oder paradoxe Formulierungen zu zuspitzen ohne jedoch den Versuch zu unternehmen sich wieder aus der selbstgestellten Falle zu befreien [1]. Das Problem ist also weniger Gorgonenbetrachtung an sich, sondern die Sthenographie, welche es bei der Problemkonstruktion belässt. Die häufig konstatierte Krisenhaftigkeit der modernen Gesellschaft erscheint unter diesem Aspekt zunächst nur als Krise der Selbstbeschreibungsformen der Gesellschaft. Die Krise resultiert nicht aus wie immer gearteten widersprüchlichen Entwicklungsprinzipien der Gesellschaft, sondern ist zunächst ein Symptom, dass immer dann auftritt, wenn man sich bei der Gesellschaftsbeschreibung für Sthenographie oder gar das Köpfen der Medusa entscheidet. Das Risiko der Erstarrung liegt mit anderen Worten in den Funktionsbedingungen von Kommunikation selbst, ebenso wie die Chance der kreativen Paradoxieentfaltung. Konzentriert man sich aber nur auf den Aspekt der Krise, kann sie auch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Einer der Wenigen, der den Versuch Euryalistik zu betreiben – im vollen Bewusstsein des Problems -, trotzdem gewagt hat, war Niklas Luhmann. Er entwickelte seine Systemtheorie der Gesellschaft unter Berücksichtigung des Problems, dass die wissenschaftliche Beobachtung der Gesellschaft nur in der Gesellschaft stattfinden kann und niemals außerhalb. Deswegen schlug er als eine Möglichkeit soziologischer Paradoxieentfaltung eine reflektierte Autologie vor (vgl. Luhmann 1997, S. 1128 – 1142), die sich dem Problem der Gesellschaftsbeschreibung in der Gesellschaft stellt. Die Lösung besteht darin einen Begriff der Beobachtung zu entwickeln, der nicht bloß als vage Analogie zur menschlichen Wahrnehmung verstanden werden kann, sondern eine Beschreibung ermöglicht, wie soziale Systeme mit dem Problem ihrer paradoxen Konstituierung umgehen und trotzdem Informationen produzieren und weiterverarbeiten können.

Im Folgenden soll es deswegen darum gehen die Grundzüge der systemtheoretischen Beobachtungstheorie nach zu zeichnen. Es wird aber nicht allein bei einer reinen Darstellung von Luhmanns Beobachtungstheorie bleiben. Die Darstellung ist von der Grundannahme geprägt, dass es im Anbetracht der weiteren Theorieentwicklungen nach dem Tode Luhmanns noch zu viele Unklarheiten hinsichtlich der einzelnen Teile der Systemtheorie und ihrer Beziehungen zueinander gibt. Luhmanns Systemtheorie ist, anders ausgedrückt, in sich selbst noch nicht ausreichend differenziert, um noch das zu leisten, was sie verspricht. Dies trifft auch auf die Beziehung zwischen Kommunikationstheorie und Beobachtungstheorie zu. Daraus leitet sich die Notwendigkeit ab, für den hier verfolgten Zweck die Kommunikationstheorie stärker gegen die Beobachtungstheorie zu differenzieren. Dabei wird der von Luhmann vorgegebenen Richtung gefolgt. So wird im Folgenden der Versuch unternommen Gregory Batesons Informationsbegriff, George Spencer-Browns Kalkül der Form und Niklas Luhmanns Systemtheorie stärker ineinander zu integrieren als es Luhmann getan hat. Das Ergebnis wird eine soziologische Informationstheorie sein, mit der sich Identitäten, welche durch Unterscheidungsgebrauch konstruiert wurden, rekonstruieren lassen. Dies war bereits das erklärte Ziel Luhmanns. Was dabei herausgeschält wird, ist aber nicht nur eine soziologische Informationstheorie, sondern zugleich der Versuch dem Erfordernis einer reflektierten Autologie gerecht zu werden, denn es wird der Versuch unternommen Informationen darüber zu gewinnen, wie Informationen gewonnen werden können.

Sonntag, 10. März 2013

Doppelte Kontingenz und die Schematismen der Interaktion


Im letzten Beitrag wurden einige Auswüchse der ersten und zweiten Generation neuerer soziologischer Systemtheorien nach dem Tode Niklas Luhmanns kritisiert. Die aufgezeigten Probleme beschränken sich aber nicht allein auf die neueren Systemtheorien sondern scheinen vielmehr Symptome zu sein, von denen die deutsche Soziologie als Gesamtdisziplin betroffen zu sein scheint. Das damit verbundene Unbehagen artikuliert sich in letzter Zeit auch vermehrt im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Trotz unterschiedlicher theoretischer Perspektiven kommen die verschiedenen Autorinnen und Autoren zu ähnlichen Diagnosen hinsichtlich des Zustands der Disziplin. Ganz allgemein formuliert, besteht das Problem darin, dass die Komplexität der modernen Gesellschaft nach wie vor die etablierten Selbstbeschreibungssemantiken der Gesellschaft vor scheinbar unüberwindbare Herausforderungen stellen. Bisher sticht in der gesamtgesellschaftlichen als auch der soziologischen Wahrnehmung vorwiegend die Krisenhaftigkeit der Moderne hervor. Die Frage ist allerdings, handelt es sich tatsächlich um das Charakteristikum der modernen Gesellschaft oder nur um eine Krise ihrer Selbstbeschreibungsformate? So wird zwar das Fehlen eines gesellschaftsweit gültigen Narrativs beklagt, dass noch für alle Menschen eine Orientierung bieten könnte und einige wissenschaftliche Beobachter haben die Bemühungen um ein wissenschaftliches Beschreibungsangebot bereits aufgegeben – Stichwort Postmoderne. Doch betonen nicht gerade die Klagen die Notwendigkeit einer solchen modernen Beschreibung der modernen Gesellschaft? Der Versuch dies zu leisten, gestaltet sich allerdings immer mehr wie die Quadratur des Kreises. Doch möglicherweise besteht genau darin das Kunststück.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Das Unbehagen an der Systemtheorie



Diesem Blog dient unter anderem die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns als Grundlage für die hier vorgestellten Gedanken. Bereits mit dem Namen „Beobachter der Moderne“ wird Niklas Luhmann die Reverenz erwiesen. Seine Theorie der Gesellschaft erregt bis heute vor allem dadurch Aufsehen, dass sie Menschen nicht mehr als Teile der Gesellschaft betrachtet wie dies klassische soziologische Theorien getan haben und viele soziologische Ansätze bis heute tun. Der Grund für diese Theorieentscheidung ist die Annahme, dass soziale Systeme operativ geschlossen sind. Das bedeutet die jeweiligen Operationen eines sozialen Systems schließen rekursiv an die eigenen Operationen an. Dass dies nicht nur eine theoretische Annahme ist, sondern auch eine empirische Tatsache lässt sich schon allein dadurch einsichtig machen, dass auch psychische Systeme operativ geschlossen sind. Gedanken schließen immer nur an Gedanken an. Sie schließen operativ immer an die eigenen Gedanken an und niemals an fremde Gedanken. Und genauso wie Operationen eines psychischen Systems niemals in die Operationen eines anderen psychischen Systems eingreifen können, so können auch die Operationen eines sozialen Systems niemals in die Operationen eines psychischen Systems eingreifen. Wenn man die Gesellschaft als ein soziales System beschreibt, dessen Operationen sich von denen psychischer Systeme unterscheiden, dann können mit Psychen ausgestattete Menschen nicht Teile der Gesellschaft sein, sondern sie müssen zur Umwelt der Gesellschaft gehören.

Dienstag, 8. Januar 2013

Vorüberlegungen zu einer systemtheoretischen Image-Theorie am Beispiel des Amokläufers



Der letzte Blog-Beitrag, der sich der Analyse des sogenannten Trollens widmete, wurde am 6. Dezember 2012 veröffentlicht. Acht Tage später bekam eine Passage des Textes „Kontingenz, Kritik und das Internet“ unerwarteterweise eine traurige Aktualität: 

„Es kann zwar vermutet werden, dass es sich bei den meisten Trollen um Personen handelt, die sich aufgrund ihrer strengen moralischen, politischen oder religiösen Ansichten mehr oder weniger selbst isoliert haben. Trotzdem sollte man sich darüber im Klaren sein, was es bedeutet, wenn eine Person mit einer derartig hohen Aufladung an negativen Emotionen wieder in die Lebenswelt anderer Menschen einbricht. Durch das Mobbing via Internet kann man eine vage Ahnung davon bekommen. Das Spektrum reicht wahrscheinlich von Mobbing über Stalking bis tätlichen Angriffen, Terror und im schlimmsten Fall Amokläufen.“ 

Die Rede ist vom Amoklauf des zwanzigjährigen Adam Lanza in der Stadt Newton im US-Bundesstaat Connecticut am 14. Dezember 2012. Über die Motive von Adam Lanza rätselt man bis heute.

Die im Troll-Text implizit enthaltene These lautete, dass es sich bei Amokläufen ebenso wie beim Trollen um eine Folgeerscheinung von sozialen Exklusionsprozessen handelt. Ausgehend von einer interaktionstheoretischen Perspektive wurde versucht das Muster sozialer Prozesse zu beschreiben, die Menschen dazu treibt Situationen mit face-to-face-Kontakten zu meiden, welche psychologischen Folgen diese sozialen Exklusionsprozesse auf die betroffenen Menschen haben und wie sich diese psychologischen Folgen wieder in Kommunikationsprozessen bemerkbar machen. Amokläufe sind die extremste Form in der sich soziale Entfremdung ausdrückt. Um solche tragischen Ereignisse künftig verhindern zu können, gilt es die Ursachen dafür zu identifizieren. Erklärungsangebote gibt es einige. So wurden wenig überraschend wieder die Ego-Shooter für solche Taten verantwortlich gemacht. Ebenso erwartbar wurde auch die laxe Waffengesetzgebung der USA genannt. Aber es gab auch einen neuen Erklärungsansatz der in der fehlenden Krankversicherungspflicht die Ursache für Amokläufe sieht, weil auf diese Weise vielen US-amerikanischen Staatsbürgern die Möglichkeit genommen wird benötigte psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Über die Kommunikation der Internet-Trolle*



Im letzten Blog-Beitrag wurde dargelegt, dass Kontingenz als Effekt der Beobachtung 2. Ordnung ein spezifisch modernes Konzept ist. Für Kritik gilt dies ebenfalls, da Kritik auch erst durch Beobachtung 2. Ordnung möglich ist. Bloße Negation um der Negation willen ist noch keine Kritik. Das Internet als technische Infrastruktur zur Informationsverbreitung erweitert die Möglichkeiten für Beobachtungen 2. Ordnung und damit auch für Kritik. Damit erzeugt das Internet ein Überangebot an Kommunikationsofferten und insofern einen Verweisungsüberschuss an kommunikativen Anschlussmöglichkeiten. Der Verweisungsüberschuss kann aber nicht allein mit Kommunikation via Internet bewältigt werden. Aufgrund fehlender Möglichkeiten für eine räumliche Integration lassen sich im Internet nur sehr schwer stabile Formen der kommunikativen Selbstorganisation etablieren. Auf diese Weise erfüllt das Internet in der modernen Gesellschaft die Funktion einer laufenden Irritation der Gesellschaft. Sobald es jedoch darum geht durch Entscheidungen irreversible Sachverhalte zu schaffen, spielen Kommunikationsprozesse via Internet nur eine marginale Rolle. Wer etwas verändern möchte, wird es nicht vermeiden können direkt mit Menschen in Kontakt zu treten.

Donnerstag, 1. November 2012

Kontingenz, Kritik und das Internet



Auch der folgende Beitrag konzentriert sich auf das Thema Gesellschaft und Internet. Nach wie vor wird von der Annahme ausgegangen, dass das Internet die technischen Möglichkeiten der Beobachtung von Beobachtern erweitert hat. Da diese Möglichkeiten von vielen Menschen genutzt werden, kommt es zu einer bisher nicht gekannten Flutung der Gesellschaft mit Kontingenz. Dass Kontingenz als solche registriert und als Bedingung für den Vollzug von Kommunikation berücksichtigt wird, ist ein spezifisch modernes Phänomen. Theologische Reflexionen bereiteten die semantischen Bedingungen für eine Beobachtungsweise vor (Luhmann 2006, S. 114), die schließlich zur operativen Schließung verschiedener Funktionssysteme führte und einen Wechsel in der Differenzierungsform der Gesellschaft einleitete hin zu funktionaler Differenzierung. Niklas Luhmann bezeichnete Kontingenz deswegen als einen Eigenwert der modernen Gesellschaft (2006). Wenn man sich mit der Frage auseinandersetzt, welchen Einfluss das Internet auf die Gesellschaft hat, dann kommt man nicht umhin sich mit der Frage auseinander zu setzen, welche Funktion das Internet für den gesellschaftlichen Umgang mit Kontingenz hat? Dazu ist es als Erstes notwendig den Begriff Kontingenz näher zu bestimmen.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Beobachtbarkeit - Risiko und Gefahr



Der letzte Blog-Beitrag endete mit der Beobachtung, dass durch das Internet die technischen Möglichkeiten der Beobachtung von Beobachtern immens erweitert wurden und die Gesellschaft sich deswegen mit einem unglaublichen Maß an selbsterzeugter Kontingenz konfrontiert. Dem gegenüber hat sich aber ein Bewusstsein für die damit verbundene gewollte oder ungewollte Anziehung der Aufmerksamkeit noch nicht in ausreichendem Maße gebildet obwohl Beobachtbarkeit an sich nichts grundsätzlich Neues ist. Dieses Bewusstsein wurde auch als Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit bezeichnet. Das mag zunächst eine recht magere Diagnose sein. Berücksichtigt man aber, dass man sich hier auf gesellschaftstheoretischer Ebene bewegt und von Funktions-, Organisations- und Interaktionssystemen abgesehen wird, dann lässt sich nicht mehr sagen. Gesellschaft ist das umfassende System. Außerhalb der Gesellschaft gibt es keine sozialen Systeme. Die eingenommene Perspektive abstrahierte somit von jeglichen Beobachtungsverhältnissen, weil es keine Fremdbeschreibungen von gesellschaftsexternen Beobachtern geben kann. Bevor die innergesellschaftlichen Beobachtungsverhältnisse in den Blick genommen werden, soll zunächst verdeutlicht werden was mit Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit [1] gemeint ist bzw. wie sich diese im Alltag bemerkbar macht.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Die Öffentlichkeit der Gesellschaft & das Internet



Der vorangegangene Blog-Beitrag schloss mit der Bemerkung, dass der Selbstfindungsprozess der Piratenpartei nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelingen kann. Dabei wurde der Begriff Öffentlichkeit zunächst unhinterfragt im normalen Alltagsverständnis benutzt. Mit dem Aufkommen des Internets wurden der Begriff Öffentlichkeit und der Gegenbegriff Privatheit zunehmend fragwürdiger. Das althergebrachte Verständnis, dass Öffentlichkeit vor der eigenen Haustür beginnt, wird dadurch konterkariert, dass Personen heute ihr Privatleben im Internet zugänglich machen und ihre intimsten Details – zumindest im Prinzip – mit einem Millionenpublikum teilen können oder dass über soziale Netzwerke persönliche Daten frei zirkulieren und für jeden zugänglich sind. Das Private wird öffentlich, egal ob freiwillig oder unfreiwillig. Eine klare Grenze lässt sich heute nicht mehr ziehen, wenn die Öffentlichkeit aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten nicht mehr an der Haustür endet. Vielmehr fragt man sich, was Privatsphäre im Internetzeitalter noch bedeuten kann. Das Skandalöse des Internets ist, dass es radikal die bisherigen Vorstellungen davon, was öffentlich und privat ist, in Frage stellt und scheinbar mit unseren alten Gewohnheiten der Darstellung im öffentlichen Raum bricht.

Montag, 24. September 2012

Politik meets The Big Bang Theory oder Warum die Piratenpartei nicht politikfähig ist



Die nationalstaatlichen politischen Systeme der westlichen Hemisphäre sind demokratisch organisiert. Die Einführung der Demokratie ist die große Errungenschaft der Moderne, denn sie ermöglicht einen gewaltlosen Wechsel der politischen Führung. Zu den Funktionsbedingungen der Demokratie gehört der Wettstreit der verschiedenen Parteiprogramme in der politischen Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit des politischen Systems ist im Vergleich zum Wirtschaftssystem das funktionale Äquivalent zum Markt. Sie ermöglicht, dass sich die politischen Kontrahenten und das Publikum gegenseitig beobachten können. Während das Publikum der potentiellen Wähler bis auf die regelmäßig stattfindenden Wahlen passiv bleibt, sind die politischen Kontrahenten zur Aktivität verdammt, denn sie müssen ständig um die Legitimität und Akzeptanz ihrer politischen Programme kämpfen. Im Prinzip kann jedes Thema Gegenstand politischer Beobachtung werden. Faktisch hat das politische System eine Eigenselektivität entwickelt, die es nicht mehr möglich macht jedes erdenkliche Thema zu politisieren. Inzwischen gibt es thematische Evergreens, die sich scheinbar niemals verbrauchen, z. B. soziale Ungleichheit. Es kommen aber auch gelegentlich neue Themen hinzu. In der Art und Weise wie neue Themen in die politische Öffentlichkeit gelangen und dort von den Parteien aufgenommen werden, lassen sich grob zwei Formen unterscheiden.