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Mittwoch, 19. August 2015

Über Amok und Terror



Jetzt erleben wir diese neue Phase des alten Kampfes, der nicht mehr Kampf der heute vom Leben gefüllten Form gegen die alte, leblos gewordene ist, sondern den Kampf des Lebens gegen die Form überhaupt, gegen das Prinzip der Form.
Georg Simmel*
           

Sterben ist nichts Besonderes. Das Knifflige ist das Leben.
Red Smith


Das Jahr 2015 ist noch längst nicht vorbei, aber bereits jetzt kann man wohl ohne zu übertreiben sagen, dass dieses Jahr unter den Zeichen von Amok und Terror steht. Man denke nur an den blutigen Überfall auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« am 7. Januar 2015. Am 24. März 2015 wurde die Germanwings-Maschine 4U9525 durch den Copiloten in voller Absicht zum Absturz gebracht und kostete weitere 149 Menschen das Leben. Am 17. Juni 2015 wurden neun Mitglieder einer schwarzen Kirchengemeinde in Charleston von einem 21jährigen Weißen erschossen. Als Motiv gab er Rassismus an. Am 26. Juni 2015 ereigneten sich an einem Tag Anschläge in Frankreich, Tunesien und Kuweit mit mutmaßlich islamistischem Hintergrund. Rätsel gibt speziell der Fall von Saint-Quentin-Fallavier nahe Lyon auf, da die Tat viele Merkmale islamistischer Anschläge trägt und der Täter sich zunächst auf den Islam berief, später aber diese Angabe wieder revidierte. Es steht zu befürchten, dass sich zum Jahresende noch weitere Ereignisse dieser Art aufzählen lassen. Betrachtet man darüber hinaus ähnliche Ereignisse, wie die islamistische Anschlagsserie in Midi-Pyrénées im Jahr 2012 so scheint es immer schwieriger zu werden Terroranschläge und Amoktaten voneinander zu unterscheiden. Die Vorbereitung und die Ausführungsmodi werden ähnlicher und man kann nicht genau sagen, ob es sich bei Amokläufen um privatistischen Terror einzelner Personen und bei Selbstmordanschlägen um ideologisch verbrämte Amokläufe handelt.

Die Grenzen scheinen zu verschwimmen. Die bekannten Kategorien zur Beobachtung solcher Phänomene erlauben anscheinend keine eindeutige Bestimmung mehr. Auf der Grundlage dieses Eindrucks wird nun von einigen Beobachtern die Vermutung geäußert, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Amok und Terror gibt. Einzeltäter, wie Amokläufer und Terroristen, werden als »Hybride« (Kron/Heinke 2011, S. 284) bezeichnet, um auf das Versagen der bekannten Kategorien aufmerksam zu machen. Sofern man nicht über die reine Deskription hinausgeht, ist dieser Eindruck durchaus nachvollziehbar. Bedeutet das aber schon, dass diese beiden Kategorien ihren Zweck verloren haben? Funktionieren sie wirklich nicht mehr zur Beobachtung der sozialen Wirklichkeit? Aus einer solchen Schlussfolgerung würden sich zwei Konsequenzen ergeben. Man kann dann entweder behaupten, es gäbe weder Amok noch Terror oder es gäbe sowohl Amok als auch Terror. Aber was wäre mit diesen Lösungen gewonnen?

Diese Frage wird umso dringlicher, wenn nicht ersichtlich ist, welche Kategorien an ihre Stelle treten sollen. Die Rede von »Hybriden« scheint lediglich eine Verlegenheitslösung zu sein, die sich mit einem Missstand abgefunden hat. Sie weist lediglich darauf hin, dass sich bestimmte Unterscheidungen offenbar nicht mehr dazu eignen, einen Unterschied zu markieren, der einen Unterschied macht. Gelöst wird dieses Problem durch die Rede von »Hybriden« jedoch nicht. Vielmehr werden unter diesem Begriff die verschwimmenden Kategorien zusammengezogen ohne dass dadurch das Gemeinsame im Verschiedenen bezeichnet wird. Das Gemeinsame scheint sich im Verschiedenen zu erschöpfen. Mit der Rede von »Hybriden« ist keine Abstraktions- bzw. Generalisierungsleistung verbunden, ein Erkenntnisgewinn nicht ersichtlich. Sie scheint stattdessen erst das herbeizuführen, von dem angenommen wird, das es ein Merkmal der sozialen Wirklichkeit ist. 

Daher ist der Eindruck, dass vormals distinkte Kategorien zu verschwimmen scheinen, noch längst kein Hinweis auf neue Qualitäten der beobachteten Phänomene, sondern lediglich ein Hinweis auf die Schwachstelle der beobachtenden Theorie, die nicht mehr in der Lage ist die Komplexität der beobachteten Phänomene angemessen begrifflich zu erfassen. Vielleicht müssen gar keine neuen Kategorien erfunden, sondern die alten einfach nur sorgfältiger ausgearbeitet werden? Zu einfach gestrickte Kategorien werden sehr schnell durch den Gegenstand, den sie bezeichnen sollen, ad absurdum geführt. Diesem Problem kann man nur Herr werden, wenn man die Beobachtungsmittel anpasst. Sei es durch Differenzierung der Bezeichnung zu einer Beschreibung, sei es durch das Oszillieren zwischen zwei Begriffen (vgl. Luhmann 1992, S. 124), um beide in Abhängigkeit voneinander in einer konditionierten Koproduktion (vgl. Spencer Brown 1997 [1969], S. IXf.) zu differenzieren. Letzteres soll im Folgenden versucht werden. Hier wird der große Vorteil der soziologischen Systemtheorie zum Tragen kommen, nämlich dass man die Phänomene mit einer komplexen Erwartungshaltung konfrontieren und die interessierenden Phänomene methodisch kontrolliert de- und rekonstruieren kann.

Samstag, 8. März 2014

Die Beobachtung der Beobachtung 3.2 – Die Multifunktionalität der Kommunikation als Problem soziologischer Theoriebildung



Der letzte Text schloß mit der Annahme, dass man für die Unterscheidung verschiedener Kommunikationsformen seine Aufmerksamkeit auf die Form der Codierung der Kommunikationsangebote richten muss. Man wird, mit anderen Worten, auf die Sozialdimension des Sinns verwiesen und damit auf Kommunikationstheorie inklusive der Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. Es kann, mit anderen Worten, nicht nur um die Feststellung gehen, dass kommuniziert wird, sondern um die Frage, wie kommuniziert wird. Systemtheoretische Arbeiten der letzten Jahre haben sich zu wenig mit der Frage beschäftigt, wie kommuniziert wird, und sich lediglich mit der Feststellung begnügt, dass Kommunikation kommuniziert. Die systemtheoretische Aufmerksamkeit hat sich auf die bloße Verifikation dieser Tautologie fixiert, ohne dass es gelungen ist diese Tautologie zu paradoxieren und zu entfalten. Die Konzentration lag zu stark auf der Sachdimension des Sinns. Es ging lediglich darum den systemtheoretischen Gesellschaftsbegriff über Luhmann hinausgehend präziser zu bestimmen. Damit wurde allerdings ein Großteil des analytischen Potentials des durch Luhmann zur Verfügung gestellten Begriffsapparates verschenkt, denn man hat sich nur mit der Theorie aber kaum mit der Gesellschaft beschäftigt. Diese Theorieentscheidung führte zur Aufgabe des Theorems funktionaler Differenzierung (vgl. Karafillidis 2009, Baecker 2013), was aus der hier angelegten Perspektive weniger als Weiterentwicklung, sondern eher als Rückbau von Luhmanns Gesellschaftstheorie erscheint. Man hat sich lediglich damit begnügt die paradoxe Konstitution von Kommunikation offenzulegen, was hier im Anschluss an Luhmann als Sthenographie (vgl. 1991) bezeichnet wird, ohne sich dafür zu interessieren, welche Formen der Entparadoxierung die Gesellschaft für die einzelnen sozialen Probleme gefunden hat, die im letzten Text rekonstruiert wurden. Mit anderen Worten, die systemtheoretischen Ansätze nach Luhmann haben sich lediglich darauf kapriziert die Selbstreferenz der Kommunikation zu beobachten und blieben dadurch selbst eigentümlich selbstreferentiell in ihrer Beobachtungsweise.

Donnerstag, 28. November 2013

Die Beobachtung der Beobachtung 3.1 – Funktionale Differenzierung



In den ersten beiden Teilen der Reihe „Die Beobachtung der Beobachtung“ wurde der Beobachtungsbegriff, wie er von Niklas Luhmann ab seinem ersten Hauptwerk „Soziale Systeme“ (1984) entwickelt wurde, weiter präzisiert. Ausgangspunkt war die Annahme, dass der Kommunikationsbegriff und der Beobachtungsbegriff [1] innerhalb von Luhmanns Systemtheorie stärker gegeneinander differenziert und integriert werden müssen, denn die theoretische Beziehung der beiden Begriffe zueinander war noch zu diffus. Diese Unklarheit ist allerdings nur ein Symptom und verweist auf die grundlegendere, theoretische Beziehung zwischen psychischen und sozialen Systemen. Frühere Ansätze unterschieden hier noch zwischen intrapersonaler und interpersonaler Kommunikation (vgl. Ruesch/Bateson 2012). Luhmann reservierte den Kommunikationsbegriff aber für die Operationen sozialer Systeme, also  für interpersonale Kommunikation. Somit können die Operationen psychischer Systeme nicht als Kommunikation bezeichnet werden. Um diese Kluft überbrücken zu können, entwickelte Luhmann den Begriff der Beobachtung [2]. Dieser schloss an die „Laws Of Form“ (1997) von George Spencer-Brown an. Spencer-Brown entwickelte die „Laws Of Form“ aus zwei Annahmen, die er als gegeben voraussetzt: die Idee der Bezeichnung und der Idee der Unterscheidung. Das, was Spencer-Brown als Form bezeichnet, ist die Einheit von Unterscheidung und Bezeichnung. Demnach, kann man nichts bezeichnen ohne eine Unterscheidung zu treffen. Deswegen beginnt Spencer-Brown die Entfaltung der „Laws Of Form“ mit der Anweisung: triff eine Unterscheidung! Jede Unterscheidung besteht allerdings aus zwei Seiten. Eine Bezeichnung muss sich von etwas unterscheiden. Das ist immer die andere Seite der Unterscheidung, die auch immer eine Bezeichnung ist. Operativ kann immer nur eine Seite der Unterscheidung realisiert werden. Trotzdem ist die andere Seite imaginär mit appräsentiert. Luhmann bezeichnet dann die Aktion eine Unterscheidung zu treffen, um etwas zu bezeichnen, als Beobachtungsoperation. Da man aber nicht zwei Bezeichnungen auf einmal realisieren kann, sondern nur nacheinander, ist Zeit notwendig, um die andere Seite der Unterscheidung zu bezeichnen. Unterscheidungen sind daher nichts Statisches. Sie können nur temporalisiert gedacht werden. Beobachten vollzieht sich als Oszillieren zwischen den beiden Seiten der Unterscheidung.