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Donnerstag, 5. Mai 2016

Die Regeln der Form


Es ist immer einfach, das Unbekannte zu erklären, indem man das Walten einer übermenschlichen und eigenmächtigen Kraft postuliert. Das ist ein sehr menschliches Phänomen.
Isaac Asimov

Das Problem liegt nie sosehr darin, einen Schlüssel oder zwei oder drei oder n Schlüssel zu finden, sondern eine Sprache zu sprechen, welche der Joker Rechnung trägt.
Michel Serres


Es lässt sich heute eine weit verbreitete Faszination an Paradoxien aller Art beobachten. Das gilt nicht nur für systemtheoretische und postmoderne Ansätze, sondern gesamtgesellschaftlich – unabhängig davon ob sich diese Faszination aus einer Vorliebe oder aus der Ablehnung paradoxer Formulierungen ergibt. Das liegt möglicherweise daran, dass sich aus dem Umgang mit Paradoxien sehr viel über Kommunikation und damit unter anderem auch über die Funktionsweise der Gesellschaft erfahren lässt. Im Zuge dieser Beschäftigung mit Paradoxien kam es jedoch zu einer Distanzierung, Ironisierung, Relativierung und Dekonstruktion sehr vieler sinnhafter Orientierungspunkte in Form von sozial geteilten Semantiken. Egal wie es geschieht, in jedem Fall wurde den kritisierten Semantiken ihre soziale Funktion abgesprochen. Stattdessen hält man nun die Paradoxie selbst für den neuen Orientierungspunkt. Damit wurde allerdings semantischer Beliebigkeit und Willkür der Weg bereitet, was die sozialen Verstehens- und Verständigungschancen minimiert und das Konfliktpotential ebenso stark erhöht hat. 

Man kann diese Faszination an Paradoxien aber auch als ein Interesse an Negativität interpretieren. Dann kann man vermuten, dass dieses Interesse möglicherweise ein gewisses Bedürfnis nach Transzendenz befriedigt. In vormodernen Zeiten konnten sich für dieses Thema noch die Religionen zuständig erklären und gleichsam ein Diskursmonopol beanspruchen. In der entzauberten Welt der Moderne füllt die Psychologie die entstandene Lücke mehr schlecht als recht aus. Statt dabei zu helfen, die innere Widersprüche zu lösen, belässt sie es häufig bei der Pflege dieser Widersprüche. Hauptsache man ist wieder genussfähig, wenn man schon nicht funktioniert. Funktionieren dürfen die Anderen. Die postmoderne Bewegung konnte nach der wissenschaftlichen Entzauberung der Welt nur noch einen allgemeinen Sinnverlust beklagen. Wobei man den Verdacht nicht los wird, dass lediglich der Verlust der eigenen Illusionen beklagt wird. Die Lösung sieht die Postmoderne in der Flucht in die Subjektivität. Widerspruchsfreiheit lässt sich aus der postmodernen Perspektive offenbar nur noch durch die narzisstische Besetzung der Welt erreichen, um das Leiden an ihr zu lindern. Die Kontingenz anderer Perspektiven dient nur zur zweifelhaften Begründung, sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Umso radikaler werden dann andere Perspektiven abgelehnt, obwohl man sich zugleich nach Diversität sehnt. Das sorgt für einige Unruhe.

Der naive Umgang mit Paradoxien ist heute sehr weit verbreitet und hat sich zu einer Art sozialen und psychischen Reflexions- und Entwicklungsblockade entwickelt. Diese geistige Verwahrlosung führt derzeit zur Verhärtung der Frontlinien. Die Sozial- und Geisteswissenschaften haben, indem sie sich für politische Zwecke einspannen ließen, auch ihren Teil dazu beigetragen, dass es so weit kommen konnte. Speziell deren Beitrag lässt sich zum großen Teil durch das Fehlen einer Theorie über Negativität erklären. Das politische Engagement ist nur eine Verlegenheitslösung, um mit diesem Defizit umzugehen. Es gibt viele Vermutungen, Hoffnungen und Befürchtungen über Negativität. Aber eine ausgearbeitete Theorie steht nicht zur Verfügung. Selbst den für Paradoxien sensibilisierten Systemtheoretikern ist das nicht gelungen. Bisher fehlte auch ihnen jegliches Problembewusstsein. 

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso notwendiger dem Thema Negativität mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Der folgende Text ist eigentlich ein Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit George Spencer-Browns »Gesetze der Form« (1999 [1969]). Der Fokus liegt aufgrund der geschilderten Probleme auf der Funktion von Negationen und Negativität für Beobachtungs- bzw. für Erkenntnisprozesse. Negationen und Negativität sind erst an zweiter Stelle ein kommunikationstheoretisches Problem. Zu aller erst sind sie kognitionswissenschaftliche und erkenntnistheoretische Probleme. Auf derselben Ebene ist die im Folgenden vorzustellende Beobachtungstheorie angesiedelt. Der Ausgangspunkt ist die Frage: für welches Problem kann Unterscheiden als Lösung betrachtet werden? Diese Frage wurde trotz des funktionalistischen Ansatzes in der neueren soziologischen Systemtheorie bis heute nicht gestellt. Dieser Text konzentriert sich auf die Beantwortung dieser Frage. 

Als Erstes wird die Quintessenz des Textes vorgestellt, welche ich als die »Regeln der Form« bezeichne. Spencer-Browns »Gesetze der Form« sind keine strenge Theorie über Negativität. Sie erlauben es aber mit Negativität zu kalkulieren. Etwas Ähnliches versuche ich mit den »Regeln der Form«  allerdings ohne einen neuen Kalkül zu präsentieren. Es geht nicht darum Spencer-Browns Kalkül zu ersetzten. Es soll lediglich ein anderer Blick auf das Problem der Negativität geworfen werden. Auch bei den »Regeln der Form« handelt es sich nicht um eine Theorie über die Funktion von Negativität, sondern um Anweisungen für den Umgang mit Negativität bzw. mit Nichts. Die Theorie, die diesen Regeln zu Grunde liegt, wird in den nachfolgenden Erläuterungen vorgestellt. 

Negativität wird darin als Unterschiedslosigkeit begriffen. Ohne Unterschiede, die Unterschiede machen, kann es weder Informationen noch Sinn geben. Die Lösung für das Problem der Unterschiedslosigkeit ist dementsprechend Unterscheiden. Es kann aber nicht nur darum gehen, dass unterschieden wird, sondern wie unterschieden wird. Anhand des Umgangs mit Unterschiedslosigkeit werden drei Beobachtungsweisen voneinander unterschieden. Im Zuge dessen wird außerdem gezeigt, dass der Umgang mit Unterschiedslosigkeit eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von komplexen Beobachtungsformen spielt. Der strikt an der Beobachtung von Veränderungen und Entwicklungen orientierte Ansatz erlaubt es am Schluss eine evolutionäre Beobachtungstheorie anzudeuten.

Dienstag, 9. April 2013

Die Beobachtung der Beobachtung



Die letzten beiden Beiträge enthielten unter anderem die Beobachtung, dass sowohl die neueren soziologischen Systemtheorien als auch andere soziologische Theorien gegenwärtig des Öfteren durch einen Beobachtungsstil gekennzeichnet sind, den Niklas Luhmann als Gorgonenbetrachtung bezeichnete  (vgl. 1991, S. 58). Gorgonenbetrachtung bezeichnet den Umgang mit Paradoxien. Luhmann versuchte verschiedene Möglichkeiten mit Paradoxien umzugehen anhand der mythologischen Figuren der Gorgonen zu unterscheiden. Die Gorgonen sind die drei schrecklichen Schwestern, deren Häupter mit Haaren aus Schlangen besetzt sind. Jeder, der sie anblickt, wird zu Stein erstarren. Diese Erstarrung ist das Risiko, dem man sich aussetzt, wenn man versucht die Gorgonen zu betrachten. Und dieses Risiko besteht im übertragenen Sinne ebenso, wenn man versucht Paradoxien zu beobachten. Es gibt jedoch verschiedene Möglichkeiten mit diesem Risiko umzugehen. Jede der drei Schwestern steht für eine bestimmte Form mit diesem Risiko umzugehen.

Medusa, die einzige Sterbliche im Bunde der Drei, konnte durch Enthauptung getötet werden. Auf Paradoxien bezogen, bedeutet das, Paradoxien auszuschließen bzw. zu vermeiden. Für diese Form des Umgangs mit Paradoxien stand die Tradition der Logik, deren Bemühungen sich darauf konzentrierten Systeme von Aussagen widerspruchsfrei zu halten. Die Zweite im Bunde ist Stheno. Ihre Unsterblichkeit zeigt an, dass das Risiko der Erstarrung nicht zu eliminieren ist. So steht man lediglich vor der Wahl sich abzuwenden und der Erstarrung zu entgehen oder man schaut sie an und erstarrt. Für diese Form des Umgangs mit Paradoxien steht die Tradition der Theologie mit ihren Versuchen Gott zu beobachten. Wobei das Kunststück darin besteht, das Unbeobachtbare, das Transzendentale – nämlich Gott – zu beobachten, was allerdings dann doch wieder zu sehr ambitionierten Formen führte, dies zu tun. Auch die Beobachtungsgewohnheiten postmoderner Theorien haben sich darauf spezialisiert Paradoxien zu beobachten. Doch im Gegensatz zur Theologie beschränken sich diese Theorien darauf das Paradox offen zu legen und sich an ihrer hypnotischen Macht zu berauschen. In den Bann von Stheno gezogen, lässt man alle Hoffnung fahren. Die Schockstarre kann jedoch selbst wieder zu ungeheurer, infantiler Geschwätzigkeit führen. Die undifferenzierte Textproduktion der Postmodernen dient dann nur noch dem Versuch andere mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten anzustecken. Die dritte Schwester ist schließlich Euryale. Auch sie kann nicht getötet werden. Euryale steht jedoch für den Versuch trotz ihrer Existenz nicht zu erstarren. Statt sich auf die Beobachtung der Paradoxie zu konzentrieren, versucht man kreative Möglichkeiten zu finden die Paradoxie zu invisibilisieren. Für diese Form des Umgangs mit Paradoxien steht die Tradition der Rhetorik. Paradoxieentfaltung bedeutet dann Unterscheidungen anzusetzen um das scheinbar Sinnlose in eine sinnvolle Form zu überführen.

Im Umgang mit Paradoxien hat sich der Versuch sie auszuschließen als wenig fruchtbar erwiesen. Selbst nach der Enthauptung behält der Kopf der Medusa seine versteinernde Wirkung. Also muss man sich wohl oder übel mit der Aussichtlosigkeit der Tötungsversuche abfinden. Das Erstarrungsrisiko ist universell, denn das Problem der Paradoxien ist universell. Man kann sie nicht ausschließen, man kann lediglich versuchen mit ihnen umzugehen. So bleibt nur die Alternative zwischen Erstarrung oder Wegschauen, zwischen Paradoxiebetrachtung oder Paradoxieentfaltung, zwischen Sthenographie oder Euryalistik. Die Ursache für Sthenographie ist aber nicht zuerst in den betroffenen Theorien zu suchen. Mit diesem Problem ist die Gesellschaft als Beobachtungsobjekt selbst behaftet und gilt zuerst für Gesellschaft als Prozess. Versteht man unter Gesellschaft die Gesamtheit der stattfindenden Kommunikationen, bezieht sich das auf die einzelnen Ereignisse durch die sich die Gesellschaft als soziales System reproduziert. Kommunikation, und damit auch Gesellschaft, ist unabhängig von jeglicher funktionalen Spezialisierung paradox konstituiert, wenn man sie zugleich als ein sich selbst beobachtendes System begreift. Das Problem liegt dann bereits in der paradoxen Konstitution ihrer Operationen als Beobachtungen (vgl. Luhmann 1993).

Mit diesem Problem muss auch eine wissenschaftliche Disziplin umgehen, die sich der Erforschung sozialer Prozesse verschrieben hat – und das in doppelter Weise. Zum einen ist der Beobachtungsgegenstand Gesellschaft mit diesem Problem behaftet. Die Beobachtung der Gesellschaft kann zum anderen nur in der Gesellschaft stattfinden. Die Soziologie ist wiederum ein Teilsystem im funktionalen Subsystem der Wissenschaft der Gesellschaft und operiert damit in der Gesellschaft. Sie kann keinen archimedischen Punkt außerhalb der Gesellschaft einnehmen und sich wie ein externer Beobachter verhalten. Die soziologische Beobachtung der Gesellschaft ist nur in der Gesellschaft mit den Mitteln der Gesellschaft möglich (vgl. Luhmann 1997, S. 1128ff.). Die Soziologie ist daher auch selbst von diesem Problem betroffen, auch sie ist paradox konstituiert. Jeder Versuch sich trotzdem wie ein externer Beobachter zu verhalten, kommt dem Versuch gleich Medusa zu köpfen.

Das universelle Problem der paradoxen Konstitution der Gesellschaft muss damit also auch bei soziologischer Theoriebildung beachtet werden. Doch wenn man sich die aktuellen Theorieangebote anschaut, fällt bei einem Großteil die fehlende Sensibilität für dieses Problem auf. Statt sich an kreativer Paradoxieentfaltung zu versuchen, beschränkt man sich bei der Theoriebildung darauf soziale Probleme auf tautologische oder paradoxe Formulierungen zu zuspitzen ohne jedoch den Versuch zu unternehmen sich wieder aus der selbstgestellten Falle zu befreien [1]. Das Problem ist also weniger Gorgonenbetrachtung an sich, sondern die Sthenographie, welche es bei der Problemkonstruktion belässt. Die häufig konstatierte Krisenhaftigkeit der modernen Gesellschaft erscheint unter diesem Aspekt zunächst nur als Krise der Selbstbeschreibungsformen der Gesellschaft. Die Krise resultiert nicht aus wie immer gearteten widersprüchlichen Entwicklungsprinzipien der Gesellschaft, sondern ist zunächst ein Symptom, dass immer dann auftritt, wenn man sich bei der Gesellschaftsbeschreibung für Sthenographie oder gar das Köpfen der Medusa entscheidet. Das Risiko der Erstarrung liegt mit anderen Worten in den Funktionsbedingungen von Kommunikation selbst, ebenso wie die Chance der kreativen Paradoxieentfaltung. Konzentriert man sich aber nur auf den Aspekt der Krise, kann sie auch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Einer der Wenigen, der den Versuch Euryalistik zu betreiben – im vollen Bewusstsein des Problems -, trotzdem gewagt hat, war Niklas Luhmann. Er entwickelte seine Systemtheorie der Gesellschaft unter Berücksichtigung des Problems, dass die wissenschaftliche Beobachtung der Gesellschaft nur in der Gesellschaft stattfinden kann und niemals außerhalb. Deswegen schlug er als eine Möglichkeit soziologischer Paradoxieentfaltung eine reflektierte Autologie vor (vgl. Luhmann 1997, S. 1128 – 1142), die sich dem Problem der Gesellschaftsbeschreibung in der Gesellschaft stellt. Die Lösung besteht darin einen Begriff der Beobachtung zu entwickeln, der nicht bloß als vage Analogie zur menschlichen Wahrnehmung verstanden werden kann, sondern eine Beschreibung ermöglicht, wie soziale Systeme mit dem Problem ihrer paradoxen Konstituierung umgehen und trotzdem Informationen produzieren und weiterverarbeiten können.

Im Folgenden soll es deswegen darum gehen die Grundzüge der systemtheoretischen Beobachtungstheorie nach zu zeichnen. Es wird aber nicht allein bei einer reinen Darstellung von Luhmanns Beobachtungstheorie bleiben. Die Darstellung ist von der Grundannahme geprägt, dass es im Anbetracht der weiteren Theorieentwicklungen nach dem Tode Luhmanns noch zu viele Unklarheiten hinsichtlich der einzelnen Teile der Systemtheorie und ihrer Beziehungen zueinander gibt. Luhmanns Systemtheorie ist, anders ausgedrückt, in sich selbst noch nicht ausreichend differenziert, um noch das zu leisten, was sie verspricht. Dies trifft auch auf die Beziehung zwischen Kommunikationstheorie und Beobachtungstheorie zu. Daraus leitet sich die Notwendigkeit ab, für den hier verfolgten Zweck die Kommunikationstheorie stärker gegen die Beobachtungstheorie zu differenzieren. Dabei wird der von Luhmann vorgegebenen Richtung gefolgt. So wird im Folgenden der Versuch unternommen Gregory Batesons Informationsbegriff, George Spencer-Browns Kalkül der Form und Niklas Luhmanns Systemtheorie stärker ineinander zu integrieren als es Luhmann getan hat. Das Ergebnis wird eine soziologische Informationstheorie sein, mit der sich Identitäten, welche durch Unterscheidungsgebrauch konstruiert wurden, rekonstruieren lassen. Dies war bereits das erklärte Ziel Luhmanns. Was dabei herausgeschält wird, ist aber nicht nur eine soziologische Informationstheorie, sondern zugleich der Versuch dem Erfordernis einer reflektierten Autologie gerecht zu werden, denn es wird der Versuch unternommen Informationen darüber zu gewinnen, wie Informationen gewonnen werden können.