Sonntag, 10. März 2013

Doppelte Kontingenz und die Schematismen der Interaktion


Im letzten Beitrag wurden einige Auswüchse der ersten und zweiten Generation neuerer soziologischer Systemtheorien nach dem Tode Niklas Luhmanns kritisiert. Die aufgezeigten Probleme beschränken sich aber nicht allein auf die neueren Systemtheorien sondern scheinen vielmehr Symptome zu sein, von denen die deutsche Soziologie als Gesamtdisziplin betroffen zu sein scheint. Das damit verbundene Unbehagen artikuliert sich in letzter Zeit auch vermehrt im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Trotz unterschiedlicher theoretischer Perspektiven kommen die verschiedenen Autorinnen und Autoren zu ähnlichen Diagnosen hinsichtlich des Zustands der Disziplin. Ganz allgemein formuliert, besteht das Problem darin, dass die Komplexität der modernen Gesellschaft nach wie vor die etablierten Selbstbeschreibungssemantiken der Gesellschaft vor scheinbar unüberwindbare Herausforderungen stellen. Bisher sticht in der gesamtgesellschaftlichen als auch der soziologischen Wahrnehmung vorwiegend die Krisenhaftigkeit der Moderne hervor. Die Frage ist allerdings, handelt es sich tatsächlich um das Charakteristikum der modernen Gesellschaft oder nur um eine Krise ihrer Selbstbeschreibungsformate? So wird zwar das Fehlen eines gesellschaftsweit gültigen Narrativs beklagt, dass noch für alle Menschen eine Orientierung bieten könnte und einige wissenschaftliche Beobachter haben die Bemühungen um ein wissenschaftliches Beschreibungsangebot bereits aufgegeben – Stichwort Postmoderne. Doch betonen nicht gerade die Klagen die Notwendigkeit einer solchen modernen Beschreibung der modernen Gesellschaft? Der Versuch dies zu leisten, gestaltet sich allerdings immer mehr wie die Quadratur des Kreises. Doch möglicherweise besteht genau darin das Kunststück.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Das Unbehagen an der Systemtheorie



Diesem Blog dient unter anderem die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns als Grundlage für die hier vorgestellten Gedanken. Bereits mit dem Namen „Beobachter der Moderne“ wird Niklas Luhmann die Reverenz erwiesen. Seine Theorie der Gesellschaft erregt bis heute vor allem dadurch Aufsehen, dass sie Menschen nicht mehr als Teile der Gesellschaft betrachtet wie dies klassische soziologische Theorien getan haben und viele soziologische Ansätze bis heute tun. Der Grund für diese Theorieentscheidung ist die Annahme, dass soziale Systeme operativ geschlossen sind. Das bedeutet die jeweiligen Operationen eines sozialen Systems schließen rekursiv an die eigenen Operationen an. Dass dies nicht nur eine theoretische Annahme ist, sondern auch eine empirische Tatsache lässt sich schon allein dadurch einsichtig machen, dass auch psychische Systeme operativ geschlossen sind. Gedanken schließen immer nur an Gedanken an. Sie schließen operativ immer an die eigenen Gedanken an und niemals an fremde Gedanken. Und genauso wie Operationen eines psychischen Systems niemals in die Operationen eines anderen psychischen Systems eingreifen können, so können auch die Operationen eines sozialen Systems niemals in die Operationen eines psychischen Systems eingreifen. Wenn man die Gesellschaft als ein soziales System beschreibt, dessen Operationen sich von denen psychischer Systeme unterscheiden, dann können mit Psychen ausgestattete Menschen nicht Teile der Gesellschaft sein, sondern sie müssen zur Umwelt der Gesellschaft gehören.

Dienstag, 8. Januar 2013

Vorüberlegungen zu einer systemtheoretischen Image-Theorie am Beispiel des Amokläufers



Der letzte Blog-Beitrag, der sich der Analyse des sogenannten Trollens widmete, wurde am 6. Dezember 2012 veröffentlicht. Acht Tage später bekam eine Passage des Textes „Kontingenz, Kritik und das Internet“ unerwarteterweise eine traurige Aktualität: 

„Es kann zwar vermutet werden, dass es sich bei den meisten Trollen um Personen handelt, die sich aufgrund ihrer strengen moralischen, politischen oder religiösen Ansichten mehr oder weniger selbst isoliert haben. Trotzdem sollte man sich darüber im Klaren sein, was es bedeutet, wenn eine Person mit einer derartig hohen Aufladung an negativen Emotionen wieder in die Lebenswelt anderer Menschen einbricht. Durch das Mobbing via Internet kann man eine vage Ahnung davon bekommen. Das Spektrum reicht wahrscheinlich von Mobbing über Stalking bis tätlichen Angriffen, Terror und im schlimmsten Fall Amokläufen.“ 

Die Rede ist vom Amoklauf des zwanzigjährigen Adam Lanza in der Stadt Newton im US-Bundesstaat Connecticut am 14. Dezember 2012. Über die Motive von Adam Lanza rätselt man bis heute.

Die im Troll-Text implizit enthaltene These lautete, dass es sich bei Amokläufen ebenso wie beim Trollen um eine Folgeerscheinung von sozialen Exklusionsprozessen handelt. Ausgehend von einer interaktionstheoretischen Perspektive wurde versucht das Muster sozialer Prozesse zu beschreiben, die Menschen dazu treibt Situationen mit face-to-face-Kontakten zu meiden, welche psychologischen Folgen diese sozialen Exklusionsprozesse auf die betroffenen Menschen haben und wie sich diese psychologischen Folgen wieder in Kommunikationsprozessen bemerkbar machen. Amokläufe sind die extremste Form in der sich soziale Entfremdung ausdrückt. Um solche tragischen Ereignisse künftig verhindern zu können, gilt es die Ursachen dafür zu identifizieren. Erklärungsangebote gibt es einige. So wurden wenig überraschend wieder die Ego-Shooter für solche Taten verantwortlich gemacht. Ebenso erwartbar wurde auch die laxe Waffengesetzgebung der USA genannt. Aber es gab auch einen neuen Erklärungsansatz der in der fehlenden Krankversicherungspflicht die Ursache für Amokläufe sieht, weil auf diese Weise vielen US-amerikanischen Staatsbürgern die Möglichkeit genommen wird benötigte psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Über die Kommunikation der Internet-Trolle*



Im letzten Blog-Beitrag wurde dargelegt, dass Kontingenz als Effekt der Beobachtung 2. Ordnung ein spezifisch modernes Konzept ist. Für Kritik gilt dies ebenfalls, da Kritik auch erst durch Beobachtung 2. Ordnung möglich ist. Bloße Negation um der Negation willen ist noch keine Kritik. Das Internet als technische Infrastruktur zur Informationsverbreitung erweitert die Möglichkeiten für Beobachtungen 2. Ordnung und damit auch für Kritik. Damit erzeugt das Internet ein Überangebot an Kommunikationsofferten und insofern einen Verweisungsüberschuss an kommunikativen Anschlussmöglichkeiten. Der Verweisungsüberschuss kann aber nicht allein mit Kommunikation via Internet bewältigt werden. Aufgrund fehlender Möglichkeiten für eine räumliche Integration lassen sich im Internet nur sehr schwer stabile Formen der kommunikativen Selbstorganisation etablieren. Auf diese Weise erfüllt das Internet in der modernen Gesellschaft die Funktion einer laufenden Irritation der Gesellschaft. Sobald es jedoch darum geht durch Entscheidungen irreversible Sachverhalte zu schaffen, spielen Kommunikationsprozesse via Internet nur eine marginale Rolle. Wer etwas verändern möchte, wird es nicht vermeiden können direkt mit Menschen in Kontakt zu treten.

Donnerstag, 1. November 2012

Kontingenz, Kritik und das Internet



Auch der folgende Beitrag konzentriert sich auf das Thema Gesellschaft und Internet. Nach wie vor wird von der Annahme ausgegangen, dass das Internet die technischen Möglichkeiten der Beobachtung von Beobachtern erweitert hat. Da diese Möglichkeiten von vielen Menschen genutzt werden, kommt es zu einer bisher nicht gekannten Flutung der Gesellschaft mit Kontingenz. Dass Kontingenz als solche registriert und als Bedingung für den Vollzug von Kommunikation berücksichtigt wird, ist ein spezifisch modernes Phänomen. Theologische Reflexionen bereiteten die semantischen Bedingungen für eine Beobachtungsweise vor (Luhmann 2006, S. 114), die schließlich zur operativen Schließung verschiedener Funktionssysteme führte und einen Wechsel in der Differenzierungsform der Gesellschaft einleitete hin zu funktionaler Differenzierung. Niklas Luhmann bezeichnete Kontingenz deswegen als einen Eigenwert der modernen Gesellschaft (2006). Wenn man sich mit der Frage auseinandersetzt, welchen Einfluss das Internet auf die Gesellschaft hat, dann kommt man nicht umhin sich mit der Frage auseinander zu setzen, welche Funktion das Internet für den gesellschaftlichen Umgang mit Kontingenz hat? Dazu ist es als Erstes notwendig den Begriff Kontingenz näher zu bestimmen.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Beobachtbarkeit - Risiko und Gefahr



Der letzte Blog-Beitrag endete mit der Beobachtung, dass durch das Internet die technischen Möglichkeiten der Beobachtung von Beobachtern immens erweitert wurden und die Gesellschaft sich deswegen mit einem unglaublichen Maß an selbsterzeugter Kontingenz konfrontiert. Dem gegenüber hat sich aber ein Bewusstsein für die damit verbundene gewollte oder ungewollte Anziehung der Aufmerksamkeit noch nicht in ausreichendem Maße gebildet obwohl Beobachtbarkeit an sich nichts grundsätzlich Neues ist. Dieses Bewusstsein wurde auch als Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit bezeichnet. Das mag zunächst eine recht magere Diagnose sein. Berücksichtigt man aber, dass man sich hier auf gesellschaftstheoretischer Ebene bewegt und von Funktions-, Organisations- und Interaktionssystemen abgesehen wird, dann lässt sich nicht mehr sagen. Gesellschaft ist das umfassende System. Außerhalb der Gesellschaft gibt es keine sozialen Systeme. Die eingenommene Perspektive abstrahierte somit von jeglichen Beobachtungsverhältnissen, weil es keine Fremdbeschreibungen von gesellschaftsexternen Beobachtern geben kann. Bevor die innergesellschaftlichen Beobachtungsverhältnisse in den Blick genommen werden, soll zunächst verdeutlicht werden was mit Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit [1] gemeint ist bzw. wie sich diese im Alltag bemerkbar macht.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Die Öffentlichkeit der Gesellschaft & das Internet



Der vorangegangene Blog-Beitrag schloss mit der Bemerkung, dass der Selbstfindungsprozess der Piratenpartei nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelingen kann. Dabei wurde der Begriff Öffentlichkeit zunächst unhinterfragt im normalen Alltagsverständnis benutzt. Mit dem Aufkommen des Internets wurden der Begriff Öffentlichkeit und der Gegenbegriff Privatheit zunehmend fragwürdiger. Das althergebrachte Verständnis, dass Öffentlichkeit vor der eigenen Haustür beginnt, wird dadurch konterkariert, dass Personen heute ihr Privatleben im Internet zugänglich machen und ihre intimsten Details – zumindest im Prinzip – mit einem Millionenpublikum teilen können oder dass über soziale Netzwerke persönliche Daten frei zirkulieren und für jeden zugänglich sind. Das Private wird öffentlich, egal ob freiwillig oder unfreiwillig. Eine klare Grenze lässt sich heute nicht mehr ziehen, wenn die Öffentlichkeit aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten nicht mehr an der Haustür endet. Vielmehr fragt man sich, was Privatsphäre im Internetzeitalter noch bedeuten kann. Das Skandalöse des Internets ist, dass es radikal die bisherigen Vorstellungen davon, was öffentlich und privat ist, in Frage stellt und scheinbar mit unseren alten Gewohnheiten der Darstellung im öffentlichen Raum bricht.