Sonntag, 10. März 2013

Doppelte Kontingenz und die Schematismen der Interaktion


Im letzten Beitrag wurden einige Auswüchse der ersten und zweiten Generation neuerer soziologischer Systemtheorien nach dem Tode Niklas Luhmanns kritisiert. Die aufgezeigten Probleme beschränken sich aber nicht allein auf die neueren Systemtheorien sondern scheinen vielmehr Symptome zu sein, von denen die deutsche Soziologie als Gesamtdisziplin betroffen zu sein scheint. Das damit verbundene Unbehagen artikuliert sich in letzter Zeit auch vermehrt im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Trotz unterschiedlicher theoretischer Perspektiven kommen die verschiedenen Autorinnen und Autoren zu ähnlichen Diagnosen hinsichtlich des Zustands der Disziplin. Ganz allgemein formuliert, besteht das Problem darin, dass die Komplexität der modernen Gesellschaft nach wie vor die etablierten Selbstbeschreibungssemantiken der Gesellschaft vor scheinbar unüberwindbare Herausforderungen stellen. Bisher sticht in der gesamtgesellschaftlichen als auch der soziologischen Wahrnehmung vorwiegend die Krisenhaftigkeit der Moderne hervor. Die Frage ist allerdings, handelt es sich tatsächlich um das Charakteristikum der modernen Gesellschaft oder nur um eine Krise ihrer Selbstbeschreibungsformate? So wird zwar das Fehlen eines gesellschaftsweit gültigen Narrativs beklagt, dass noch für alle Menschen eine Orientierung bieten könnte und einige wissenschaftliche Beobachter haben die Bemühungen um ein wissenschaftliches Beschreibungsangebot bereits aufgegeben – Stichwort Postmoderne. Doch betonen nicht gerade die Klagen die Notwendigkeit einer solchen modernen Beschreibung der modernen Gesellschaft? Der Versuch dies zu leisten, gestaltet sich allerdings immer mehr wie die Quadratur des Kreises. Doch möglicherweise besteht genau darin das Kunststück.

Einer der Wenigen, die es trotzdem versucht haben, war Niklas Luhmann. Sein Angebot, die moderne Gesellschaft als funktional differenziert zu beschreiben, wird auch hier aufgegriffen um aktuelle soziale Probleme zu verstehen. Doch Luhmanns Beschreibungsangebot birgt eine gravierende Gefahr. Man gerät in die Versuchung mit der Beobachtung auf der begrifflichen Ebene der Gesellschaftstheorie zu verbleiben ohne diese Beobachtungen an die Ebenen der Systembildung Organisation und Interaktion anzubinden. Auf diese Weise kann man zwar noch All-Aussagen treffen, die eine gesellschaftsweite Gültigkeit für sich beanspruchen und somit entsprechend bedeutungsschwanger daher kommen. Ohne Anbindung an Organisations- und Interaktionsphänomene bleiben diese Aussagen aber bedeutungsleer, da diese Aussagen lediglich auf Paradoxien oder sogar Tautologien zugespitzt werden können, die in dieser Form alles und nichts besagen. Das kann entweder die Kreativität anregen oder zum Orientierungsverlust führen. Zur Zeit scheint eher Letzteres der Fall zu sein und so beschränkt man sich darauf auf Probleme zuzuspitzen. Luhmann bezeichnete diese Form des Umgangs mit Paradoxien Gorgonenbetrachtung (vgl. Luhmann 1991, S. 58). Dabei handelt es sich bereits um eine Form mit moderner Komplexität umzugehen, die aufgrund ihrer Kurzschlüssigkeit in gleichsam mystischer Weise über alles und nichts informiert. Diese Formen der Komplexitätsreduktion beachten jedoch einen wichtigen Umstand nicht, der in der allgemeinen Systemtheorie bekannt ist und auch schon in den Gründungszeiten der Soziologie von Gabriel Tarde gesehen wurde (vgl. 2009, S. 75f.), nämlich dass Teile bzw. Subsysteme eines Systems komplexer sein können als das ganze System. Will man also ein tieferes Verständnis der modernen Gesellschaft entwickeln, ist man mehr oder weniger gezwungen aus diesem kurzschlüssigen gesellschaftstheoretischen Zirkel auszubrechen und die Aufmerksamkeit auf Organisationssysteme, Interaktionssysteme und die strukturell gekoppelten Menschen zu lenken.

Die vorangegangen Untersuchungen verfolgten einen top-down-Ansatz. Den Startpunkt bildete jedes Mal die Gesellschaftsebene indem von der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft ausgegangen wurde um dann die Piratenpartei, Öffentlichkeit, das Internet, Trollen oder Amokläufe vor diesem Hintergrund interaktionstheoretisch zu analysieren. Dieses Mal wird der umgekehrte Weg gegangen. Den Startpunkt bildet das Bezugsproblem von Kommunikation in Form der Situation doppelter Kontingenz. Da Kommunikation die Selbstreferenz der Gesellschaft bezeichnet, handelt es sich bei doppelter Kontingenz zugleich auch um die Beschreibung des Bezugsproblems der Gesellschaft. Zweck dieses bottom-up-Ansatzes ist es die systemtheorieinterne Verbindung zwischen Mikroebene (Interaktion) und Makroebene (Gesellschaft) zu beleuchten. Damit wird dem Problem Rechnung getragen, dass die drei Ebenen der Systembildung sich zwar analytisch trennen lassen aber empirisch immer zusammenfallen. Kommunikation differenziert sich in einzelne Interaktionssysteme, die Interaktionssysteme differenzieren sich in einzelne Organisationen und die Organisationen differenzieren sich in verschiedene Funktionssysteme. Dass die Verbindung geklärt werden muss zeigt sich z. B. an systemtheorieinternen Debatten wie der Frage, ob Organisationen der Selbstreferenz eines Funktionssystems zugerechnet werden können oder ob sie mehreren Funktionssystemen zugerechnet werden müssen? Es kann aber nicht darum gehen die Ansätze top-down und bottom-up gegeneinander auszuspielen. Vielmehr ist es das Ziel ein besseres Verständnis der zirkulären Rückkopplungsverhältnisse zwischen den Systemebenen Interaktion, Organisation und Gesellschaft zu entwickeln. Gleichwohl wird hier dafür plädiert als methodischen Ausgangspunkt die Systemebene Interaktion zu wählen.

Im Folgenden wird es darum gehen zu zeigen, dass sich dieses Verständnis auch in der soziologischen Systemtheorie Luhmanns finden lässt. Dazu wird zunächst noch einmal die Situation der doppelten Kontingenz dargestellt (I.). Im Anschluss daran, werden einige methodologische Anmerkungen dazu gemacht (II.). Danach wird die Funktion der Schematismen der Interaktion im Rahmen der Systemtheorie dargestellt, zu denen auch wieder einige methodologische Anmerkungen folgen (III.). Ziel ist es zu begründen, warum hier eine radikal mikrosoziologische Lesart der Systemtheorie Luhmanns verfolgt wird, die gerade auch für das Verständnis vieler Probleme der modernen Gesellschaft fruchtbar sein könnte (IV.). Mikro- und Makrosoziologie sind nicht zwei Ansätze, die sich gegenseitig ausschließen, sondern zwei Seiten einer Medaille die methodisch zusammen gehören. Dabei handelt es sich nicht um einen grundsätzlich neuen Ansatz in der Soziologie. Der Zusammenhang wird aber im Rahmen jedes Theorieangebots anders konstruiert. Gerade für die Systemtheorie Luhmanns scheint dieser Zusammenhang noch nicht hinreichend geklärt zu sein. 


I.

Doppelte Kontingenz bezeichnet eine Situation sinnhafter Unbestimmtheit in der zwei Menschen das erste Mal sich gegenseitig wahrnehmend aufeinander treffen. Es handelt sich dabei um den hypothetischen Ausgangspunkt soziokultureller Evolution, den es historisch vermutlich niemals gegeben hat. Das Problem in dieser Situation ist zum einen, dass die sich begegnenden Menschen für ihre psychischen Vorgänge wechselseitig intransparent sind (vgl. Luhmann 1984, S. 156) und zum Anderen, dass keine sinnhafte Bestimmung der Situation möglich wäre, wenn die Anwesenden ihr Handeln wechselseitig vom Handeln ihres Gegenübers abhängig machen (vgl. Luhmann 1984, S. 149ff.). Mit anderen Worten, wenn beide Anwesende darauf warten, was der jeweils andere als Erstes tun wird, kommt es zu keiner sinnhaften Bestimmung der Situation. Um in dieser Situation eine erste sinnhafte Bestimmung vornehmen zu können [1], ist kein wie auch immer geartetes Vor-Verständigt-Sein der Anwesenden notwendig. Vielmehr wirken Zufälle in dieser Situation autokatalytisch um Ordnungsbildung in Gang zu bringen. So kann im Prinzip jede beobachtbare Handlung von einem der beiden Anwesenden den Anlass für die Bildung eines sozialen Systems geben. Warum spricht man aber von doppelter Kontingenz?

Von Kontingenz spricht man immer dann, wenn funktionale Äquivalente zur Verfügung stehen um ein bestimmtes Problem zu lösen. Die Tatsache, dass es mehrere Möglichkeiten gibt um das Problem zu lösen, macht es möglich die gewählte Lösung als kontingent zu beobachten. Es hat keine Notwendigkeit bestanden die gewählte Lösung zu nehmen. Man hätte auch eine andere Lösung wählen können (vgl. Luhmann 1984, S. 152). Betrachtet man die Begegnung von zwei Menschen zunächst aus der Perspektive einer Person, so besteht ein offener Horizont von Handlungsmöglichkeiten aus dem im Prinzip jede gewählt werden könnte um für beide Anwesende eine erste sinnhafte Bestimmung vor zu nehmen. Im Hinblick auf eine Person handelt es sich aber nur um einfache Kontingenz. Von doppelter Kontingenz wird gesprochen, weil die Möglichkeitshorizonte beider Anwesender berücksichtigt werden (vgl. Luhmann 1984, S. 154). Auf diese Weise entsteht ein unüberschaubarer Verweisungsüberschuss an Handlungsmöglichkeiten. Dieser Verweisungsüberschuss wird als Komplexität bezeichnet. Aus diesem Möglichkeitshorizont können aber nicht mehrere Alternativen zugleich realisiert werden sondern immer nur eine zu einem bestimmten Zeitpunkt. Man ist also zur Aktion gezwungen um diesen Verweisungsüberschuss zu verkleinern bzw. Komplexität zu reduzieren (Vgl. Luhmann 1984,S. 162). Was immer das erste soziale Ereignis war, es kann zum Anlass für die Bildung eines sozialen Systems genommen werden. Es bleibt aber in Bezug auf die Handlungsspielräume beider Anwesender kontingent, denn eine andere Handlung hätte dieselbe Funktion erfüllt. Durch diese Dopplung der Möglichkeitshorizonte können also durch die Beteiligten wechselseitig die realisierten Handlungen als kontingent beobachtet werden. Somit ist bereits der Handlung als dem Einzelereignis eines Systems die eigene Kontingenz eingeschrieben und eben deshalb „aktualisierte Kontingenz“ (Luhmann 1984, S. 160). Desweiteren schränkt dieses erste Ereignis und jedes darauf folgende die Möglichkeitsspielräume für Anschlusshandeln sukzessiv immer weiter ein. Mithin bietet also erst die Auflösung der Situation doppelter Kontingenz die Möglichkeit für Integration (vgl. Luhmann 1984, S. 161) und Verdichtung der Situation im Medium Sinn.

Doch obwohl die Situation doppelter Kontingenz gleichsam zufällig überwunden werden kann, läuft sie wie ein dunkler Schatten bei allem Prozessieren von Sinn immer mit. Soziale Systeme können sich also genau so schnell wieder auflösen wie sie entstanden sind. Das merkt man z. B. immer dann, wenn in Gesprächen plötzliche Pausen auftreten, die als peinliches Schweigen erfahren werden. Gerade dieses Operieren unter der Bedingung eines ständig drohenden Abbruchs der Kommunikation sorgt für die Generalisierung der Sozialdimension allen Sinns indem jedes Ereignis daraufhin befragt werden kann bzw. sogar befragt werden muss, wie es durch den Kommunikationspartner erlebt wird und wie er daraufhin handeln wird (vgl. Luhmann 1984, S. 161). Vereinfacht ausgedrückt, Kommunikation zwingt dazu sich auf das Erleben seines Kommunikationspartners einzulassen damit Kommunikation weiterlaufen kann. Sachlich gelingt dies über den gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit mit der Frage, wie dieser durch den Kommunikationspartner erlebt wird. Sozial gelingt dies über die entstandene symbolische Ordnung der Images der beteiligten Anwesenden mit der Frage, wie erlebt sich der Kommunikationspartner in der aktuellen Situation. Image wurde im vorletzten Text im Anschluss an Erving Goffman als Einheit der Unterscheidung von psychologischer Selbstbeschreibung und sozialer Fremdbeschreibung reformuliert und stellt auf die strukturelle Kopplung von Menschen und sozialen Systemen ab [2]. Hinsichtlich der psychologischen Perspektive erfolgt die Selbstwahrnehmung nicht nur über das Medium Sinn (vgl. Luhmann 1984, S. 92 – 147) in dem psychische und soziale Systeme operieren sondern auch im Medium der Gefühle. Die Frage nach dem Erleben der Kommunikationspartner als Person ist damit immer auch eine Frage nach den Gefühlen des Kommunikationspartners. Erst Gefühle machen Menschen zu nicht-trivialen Maschinen im Sinne Heinz von Foersters, die nicht einfach nach einem Reiz-Reaktion-Muster funktionieren sondern aufgrund der emotionalen Eigenzustände immer mit Erwartungsunsicherheiten behaftet sind [3].

Entsprechend trägt auch der Ausdruck des emotionalen Zustands ebenso zur ersten Bestimmung der Situation doppelter Kontingenz bei. Während die mitgeteilte Information der Situation eine erste sachliche Bestimmung gibt, wird durch die emotionale Tönung der Mitteilung eine erste soziale Bestimmung vorgenommen in dem sie über die Stimmung des Kommunikationspartners informiert. So macht es einen gravierenden Unterschied, ob man die erste Person, der man am Morgen begegnet, mit einem muffligen oder einem enthusiastischen „Guten Morgen“ begrüßt. Auf diese Weise wird die morgendliche Zugänglichkeit bzw. Kommunikationsbereitschaft signalisiert. Während ersteres lediglich eine geringe Kommunikationsbereitschaft kommuniziert, signalisiert letzteres die Offenheit gegenüber dem Kommunikationspartner. So kann gerade die emotionale Tönung der Mitteilung den Verlauf einer Interaktionssituation maßgeblich bestimmen. Der Ausdruck des emotionalen Erlebens eines Kommunikationspartners (Alter) durch sein Handeln kann das emotionale Erleben des anderen Kommunikationspartners (Ego) beeinflussen, was wiederum sein Handeln beeinflussen wird. Durch diese zirkuläre Rückkopplung des emotionalen Erlebens in der jeweiligen Anschlusshandlung der Kommunikationspartner kann sich der Kommunikationsprozess emotional immer weiter hochschaukeln, einen gewissen Rhythmus entwickeln und zum Eindruck eines gleichgerichteten Erlebens und gelungener Kommunikation führen. Auf der anderen Seite kann der Kommunikationsprozess auch zu einer emotionalen Abwärtsspirale führen. Es stellt sich kein emotionaler Gleichklang her, die Kommunikationspartner lassen sich nicht gegenseitig ausreden sondern fallen sich gegenseitig ins Wort und unterbrechen sich fortlaufend. Ein solcher Verlauf einer Kommunikationssequenz kann zur Erfahrung situativer Entfremdung und dem Eindruck misslungener Kommunikation führen.

Dem entsprechend lassen sich im Verlauf der Kommunikation Phänomene beobachten, die mit dieser emotionalen Abstimmung oder eskalierenden Verstimmung korrespondieren. Dafür muss man auf die jeweilige Anschlusshandlung achten und ob die vorangegangenen Ereignisse als Prämisse für die Selektion des jeweiligen, weiteren Anschlusses gewählt wurde. So kann man während eines Gesprächs nicht einfach plötzlich das Thema wechseln; man kann den Polizisten nicht mit Zaubertricks verblüffen um zu verhindern, dass der einem gerade einen Strafzettel für Falschparken ausstellt; man kann im Supermarkt an der Kasse nicht mit Zigaretten bezahlen; man kann nach einer Diskussionsrunde über Sexismus nicht im Anschluss die Diskussionspartnerin mit primitiven Machosprüchen anmachen. Eigentlich kann man alle diese Dinge schon tun. Aber es sind die sozialen und psychologischen Effekte dieser Irritationen, die hier interessieren. In Abhängigkeit davon, wie ein bestimmter Sachverhalt beobachtet wird, ergeben sich Kriterien nach denen sich prüfen lässt, ob eine bestimmte Anschlusshandlung als Verstehen oder Missverstehen beobachtet wird. Neben der sachlichen Angemessenheit in Abhängigkeit vom Beobachterstandpunkt, haben die jeweiligen Anschlüsse auch Konsequenzen für die Beobachtung der Person, die jeweils in einer bestimmten Art und Weise anschließt. Die Summe von sachlichen, sozialen und zeitlichen Differenzen zwischen den Einzelereignissen einer Kommunikationssequenz kondensiert im Hinblick auf soziale Systeme Sachverhalte – z. B. Themen – und Personen an denen sich die Beteiligten orientieren um Anhaltspunkte zu finden wie ihre Möglichkeitsspielräume von Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt und adäquate Anschlüsse  gefunden werden können [4]. Im Hinblick auf die beteiligten psychischen Systeme kondensiert die soziale Beziehung der Kommunikationspartner. Wie diese Beziehung von den beteiligten Kommunikationspartnern wahrgenommen wird, hängt von den jeweiligen Möglichkeitshorizonten ab in dessen Kontext die einzelnen Beteiligten die beobachteten Ereignisse interpretieren können. Das Ausgangsproblem der doppelten Kontingenz verlangt dies geradezu um sich weiterhin an Kommunikation beteiligten zu können. 


II.

Der soziologisch-systemtheoretisch geprägte Beobachter richtet nun seine Aufmerksamkeit darauf, wie die Differenz zwischen System (Sachverhalt) und Umwelt (beteiligte Personen) durch das soziale System gehandhabt wird. Das bedeutet umgekehrt auch beobachten zu können, wie die beteiligten Personen psychisch die Differenz von System und Umwelt handhaben. Die Problemkonstruktion der doppelten Kontingenz bekommt dadurch eine grundlegende methodische Funktion für systemtheoretische Analysen. Das Bezugsproblem der Soziologie wurde im letzten Beitrag als Problem der Handlungskoordination bei divergentem Erleben der beteiligten Menschen beschrieben. Die Rekonstruktion dieses Problems als Situation doppelter Kontingenz präzisiert dieses Problem noch einmal und schränkt zugleich das Aufmerksamkeitsfeld für die Beobachtung der Lösung sozialer Probleme ein. So gewinnt die soziologische Systemtheorie durch das Begriffsinstrumentarium, mit dem die Situation doppelter Kontingenz konstruiert wird, die notwendige informationelle Offenheit für ihre Umwelt.

Aus der Formlehre George Spencer-Browns resultiert die Einsicht, dass Informationen nur über Unterscheidungen gewonnen werden können. Ein Unterschied, der einen Unterschied macht (vgl. Bateson 1982, S. 123) – und somit eine Information – ist nur im Rahmen einer Zwei-Seiten-Form möglich (vgl. Sepncer-Brown 1992). Diese modalisierte Beschreibung von Unterscheidungen als Formen ermöglicht es zum einen nach der anderen Seite der Form und zum anderen nach der Einheit der Zwei-Seiten-Form zu fragen. Es gilt damit zu beobachten im Rahmen welcher Unterscheidungen bestimmte Ereignisse im Verlauf einer Kommunikationssequenz für welchen Beteiligten einen Sinn ergeben oder eben nicht. Auf der Grundlage von Spencer-Browns Formbegriff wird damit nichts weiter an eine laufende Kommunikationssequenz herangetragen als eine Annahme darüber wie Informationen durch Unterscheidungen gewonnen werden können. Im Rahmen der Theorie bedeutet das, dass nichts mehr ausgeschlossen wird. Im Rahmen der Form wird jedes Ereignis zumindest im Prinzip denkbar und auch das Nicht-Ereignis unter Umständen als Handlung interpretierbar. Kommunikationsprozesse sind jedoch diskontinuierliche Flüsse von Unterschieden, die Unterschiede machen können. Da der Formbegriff praktisch auf jedes Ereignis anwendbar ist und somit keine Einschränkung des Aufmerksamkeitsfelds ermöglicht, würde eine Beobachtung im Hinblick auf die Beobachtung von Unterschieden einen nicht mehr zu bewältigenden Informationsüberschuss erzeugen und die Komplexität der Umwelt Eins zu Eins in das System spiegeln. Daraus ergibt sich nochmals aus informationstheoretischer Perspektive die Notwendigkeit der Komplxitätsreduktion für soziale und psychische Systeme.

Es sind also weitere Einschränkungen notwendig damit die Beobachtung nicht überfordert wird. Für die soziologische Beobachtung stellt diese Einschränkung die Rekonstruktion des soziologischen Bezugsproblems als Situation doppelter Kontingenz dar. Doch selbst diese Einschränkung schließt zumindest noch alle soziologisch denkbaren Lösungen dieses Bezugsproblems ein, die ebenfalls unüberschaubar sind. Zugleich entsteht aber auf diese Weise eine extrem hohes Irritationspotential der soziologischen Systemtheorie, welche den Anspruch universeller Anwendbarkeit auf soziale Sachverhalte begründet – aber noch nicht zwangsläufig einlöst. Unter Beachtung des Bezugsproblems der Soziologie hängt es dann vom Interesse eines jeden Forschers ab, was als Beobachtungsgegenstand gewählt wird und bietet damit die Möglichkeit der internen Differenzierung der Soziologie. 

Diese universelle Anwendbarkeit verbietet aber jegliche normativen Vorannahmen über Zwecke oder Ziele von Kommunikation. Theoretisch ist alles möglich, praktisch bzw. empirisch zeigt sich aber immer wieder aufs Neue, dass nicht alles möglich ist, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur eine bestimmte Lösung zum Zuge kommt. Damit stellt das Problem der doppelten Kontingenz den methodischen Ausgangspunkt dar um zu fragen, wie es kommt, dass genau diese Reduktion von Komplexität realisiert wurde und keine andere? Wenn theoretisch alles möglich ist, entfällt auch die Annahme, dass Kommunikation auf ein bestimmtes Ergebnis wie z. B. einen zu erreichenden Konsens zustrebt. Auch das ist vielmehr eine empirische Frage. Im Unterschied zu Luhmann wird hier lediglich betont, dass die kommunizierte Stimmung im Verhältnis zum kommunizierten Sinn eine ebenso wichtige Rolle für das Ergebnis spielt. Beides steht nicht unverbunden nebeneinander sondern Information und Ausdruck müssen analytisch miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Jede realisierte Operation eines sozialen Systems fand also im Rahmen eines Ordnungsgesichtspunkts statt und hat innerhalb dieses Rahmens einen bestimmten Sinn bzw. eine bestimmte Funktion. Allgemein formuliert, erfüllt jede Operation die Funktion die sozial erzeugte Unsicherheit zu absorbieren und die Komplexität der möglichen Handlungsalternativen zu reduzieren. Daraus folgt, dass jede realisierte Operation eines sozialen Systems eine Funktion erfüllt. Keine Operation ist sinn- bzw. funktionslos. Die Frage ist dann, welche Funktion wird erfüllt? Durch das Internet sind inzwischen Kommunikationsgewohnheiten ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, mit denen früher lediglich Sozialpsychologen konfrontiert wurden. Die Rede ist von einem Phänomen, dass heute unter dem Begriff „Trollen“ diskutiert wird und auch in diesem Blog an früherer Stelle eingehend analysiert wurde. Trollen wurde hier als eine bestimmte Form der Kritik beschrieben, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie die vorangegangenen Ereignisse nicht als Prämisse der weiteren Anschlussselektion nimmt sondern gleichsam im Blindflug zur Übernahme der eigenen Sichtweise motivieren will. Die Art und Weise, wie das versucht wird, zeugt jedoch nur davon, dass der trollende Kommunikationspartner nicht in der Lage oder nicht willens ist, die Perspektive des Kommunikationspartners zu übernehmen um davon ausgehend die eigenen Anschlüsse zu wählen. Ob das mit oder ohne Absicht erfolgt, ist dabei unerheblich [5]. Worauf es ankommt, ist die Beobachtung, dass mindestens ein Kommunikationspartner nicht in der Lage ist sich auf das Erleben des Kommunikationspartners einzulassen. Dass dies bereits bei der Kommunikation unter Anwesenden für die Beteiligten unter Umständen eine große Herausforderung darstellen kann, darauf wurde bereits in der damaligen Untersuchung des Troll-Phänomens hingewiesen. Unter den erschwerten Bedingungen des Internets bei der sich Kommunikationsteilnehmer nur sehr eingeschränkt auf ihre Wahrnehmung verlassen können, erweist sich eine derartige Kommunikationsweise als wenig erfolgreich. Durch das Internet ist dies auch für jeden beobachtbar geworden.

Was das Trollen jedoch zeigt, ist, dass man, obwohl die jeweiligen Beiträge der Kommunikationsteilnehmer nicht als Prämisse der weiteren Anschlussfindung genommen wurden, sich die Kommunikation trotzdem weiter fortsetzt ohne dass dies noch eine erkennbare soziale Funktion hat, denn die sozial erzeugte Unsicherheit wird durch das Trollen weiter gesteigert statt absorbiert. Wenn jedoch jede Kommunikation eine Funktion erfüllt, dann wird die Aufmerksamkeit eines soziologischen Beobachters mehr oder weniger zwangläufig auf die Beobachtung der psychischen Selbstreferenz gelenkt – also wie die Person die Unterscheidung von System und Umwelt handhabt um sich zu seiner Umwelt in Beziehung zu setzen. Die beobachtete Troll-Kommunikation dient dann nicht mehr der sozialen sondern der psychischen Unsicherheitsabsorption. Da jeder Kommunikationsteilnehmer durch sein aktuelles Handeln auch über sein situatives Erleben informiert, kann dies durch eine Analyse entsprechender Kommunikationssequenzen gezeigt werden. Während Imagepflege ursprünglich auf die Gefahr des Rückfalls in die Situation doppelter Kontingenz – im Sinne einer Exklusion – reagierte, indem die Images der beteiligten Menschen vor Beschädigungen geschützt werden um die eigene Anschlussfähigkeit zu sichern, verkehrt sich diese Funktion beim Trollen in ihr Gegenteil. Die Images aller Beteiligten werden beschädigt mit gravierenden Folgen für das soziale System und die beteiligten psychischen Systeme.

Umso überraschender ist es, wenn es trotzdem nicht zum Abbruch der Kommunikation kommt. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass beim Trollen keine soziale sondern eine psychische Funktion erfüllt wird. Im Falle des Trollens hat sich gezeigt, dass die Form der Imagepflege, mit der sich Trolle an Kommunikation beteiligen, die soziale Funktion der Imagepflege korrumpieren und lediglich zur emotionalen Selbstbefriedigung ausnutzen. In anderen Worten, Kommunikation kann auch zur psychischen Unsicherheitsabsorption genutzt werden und steigert gerade dadurch die soziale Unsicherheit [6]. Daher kann diese Möglichkeit bei einer Analyse von Kommunikationssequenzen nicht ausgeschlossen werden. Wie aber bereits an den Beispielen Trollen und Amokläufen gezeigt wurde, sind die beschriebenen Symptome Formen des Umgangs mit dem sozialen Problem personaler Anschlussfähigkeit ohne dieses jedoch zu lösen. Deswegen werden keine Vorannahmen darüber getroffen, welche Funktion Kommunikation in einem bestimmten Fall erfüllt. Aufgrund der Vorannahme, dass theoretisch keine Handlungsmöglichkeit ausgeschlossen werden kann, muss die Frage nach der jeweils aktuell relevanten Funktion empirisch geklärt werden. Unter dem Eindruck dysfunktionaler Kommunikationsstile kann nicht ausgeschlossen werden, dass bestimmte Handlungen für den Fortgang von Kommunikationsprozessen pathologisch werden können. 


Die bisherigen Ausführungen bewegten sich im Rahmen der allgemeinen Theorie sozialer Systeme. Mit der Frage nach der Funktion bestimmter Handlungen im Rahmen von Kommunikationssequenzen kommt langsam die Schwelle in den Blick von der man zur Theorie der Systemdifferenzierung abheben könnte um die funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft zu beschreiben. Die Situation doppelter Kontingenz ist aber nur die Problemkonstruktion von der ausgegangen wird und dessen Lösung Kommunikation ist. Bevor die funktionale Differenzierung der Gesellschaft stärker in den Blick genommen werden kann, ist zunächst noch erforderlich die Sichtweise der soziologischen Systemtheorie auf laufende Kommunikationsprozesse darzustellen. Der Begriffsapparat dafür wird durch die Schematismen der Interaktion (vgl. Luhmann 2005a, 2005b) bereitgestellt. Diese sind zum einen das Schema Alter/Ego und zum anderen das Schema Erleben/Handeln.

Obwohl die soziologische Systemtheorie eine universelle Anwendbarkeit für sich in Anspruch nimmt, was die Kommunikation unter Abwesenden mit einschließt, bilden die Schematismen der Interaktion den analytischen Ausgangspunkt dafür. Der Begriff Interaktion bezeichnet allerdings nur die Kommunikation unter Anwesenden. Diese Engführung auf face-to-face-Kontakte wird auch in den folgenden Ausführungen beachtet. Das bedeutet, sie stellen zunächst nur auf die Kommunikation unter Anwesenden ab. Kommunikation findet immer dann statt, wenn zwei Menschen aufeinander treffen, sich gegenseitig wahrnehmen und sich dieser Wahrnehmung des Wahrgenommen-Werdens auch bewusst sind. Die soziologische Systemtheorie beschreibt dieses Verhältnis der Anwesenden als ein Verhältnis wechselseitiger Beobachtung – zum einen als Wahrnehmung, zum anderen als sinnhaftes Unterscheiden und Bezeichnen. Dabei bezeichnet der Begriff Alter die beobachtete Person und der Begriff Ego die beobachtende Person. Der soziologischen Systemtheorie geht es bei der Beobachtung dieses Beobachtungsverhältnisses nicht darum, wer oder was Alter und Ego sind oder sein könnten, sondern darum wie Alter durch Ego beobachtet wird und wie seine Beobachtung Alters seine Selektionen bezüglich weiterer kommunikativer Anschlüsse beeinflusst. Hinsichtlich laufender Kommunikationsprozesse ist es daher wichtig zu beachten, dass die anwesenden Menschen immer beides zugleich sind: Beobachter und Beobachteter. 

Das zweite Schema – Erleben/Handeln – stellt darauf ab, wie die Selektionsleistungen des sozialen Systems zugerechnet werden. Kommunikation funktioniert nur, wenn im Verlauf einer Kommunikationssequenz fortlaufend zwischen Information (Erleben) und Mitteilung (Handeln) unterschieden wird und eine der beiden Alternativen als Prämisse für die Selektion des Anschlusses (Verstehen) zugrunde gelegt wird. Dies gilt für alle Anwesenden und im Prozess der Kommunikation sind Alter und Ego dann auch wieder beides – erlebend und handelnd. In Abhängigkeit davon ob von den Beteiligten die Anschlusshandlung auf die Situation – das soziale System – oder auf eine Person – die Umwelt – zugerechnet wird, ist von Handeln oder Erleben die Rede (vgl. Luhmann 1997, S. 335). Handeln bezeichnet also eine Zurechnungsleistung, die auf interne, situationsbezogene Faktoren Bezug nimmt und auf diese Weise die Selektion dem sozialen System selbst zuschreibt. Erleben bezeichnet dagegen eine Zurechnungsleistung, die auf externe, personenbezogene Einflüsse Bezug nimmt und auf diese Weise die Selektion der Umwelt des sozialen Systems zuschreibt. Für die soziologische Beobachtung einer Kommunikationssituation wird der Unterschied zwischen Erleben und Handeln aber nur insoweit relevant, wenn die internale oder externale Zurechnung bestimmter Selektionen zum Thema bzw. Problem der Kommunikation wird. Es geht also nicht um eine vollständige Klassifikation des Verhaltens im Verlauf der Kommunikation (vgl. Luhmann 2005a, S. 80). Darum kann es gar nicht gehen, weil der Kommunikationsprozess dazu viel zu komplex ist. Es erfordert also Reduktionen um Orientierungspunkte zu haben an denen sich die Auswahl der Selektionen orientieren kann.

Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass die Reduktionen durch die beobachteten Systeme anders vorgenommen werden als im Rahmen dieser Theorie. Es wäre sogar sehr überraschend, wenn sich ein beobachtetes System mit denselben Formen beobachten würde, wie der diesen Vorgang beobachtende soziologische Beobachter. Es gilt also, solange die Zurechnung der Verantwortung für den Kommunikationsverlauf nicht zum Thema wird, läuft die Kommunikation einfach. Dann bilden die Differenz von Alter und Ego und die Differenz von Erleben und Handeln die Informationskatalysatoren für das Kondensieren von Sachverhalten und Personen im Medium Sinn, die entsprechende Orientierungspunkte für die Anschlussselektionen liefern. Diese Konstruktionen fungieren dann auch als Gedächtnis um das soziale System davon zu entlasten von Moment zu Moment immer wieder klarstellen zu müssen, was gemeint sein könnte [7]. Das bedeutet nicht, dass die an einer Kommunikationssequenz Beteiligten mit den Schematismen der Interaktion beobachten. Es lassen sich aber funktional äquivalente Konstruktionen finden, die jeweils einer der Seiten der Schematismen Alter/Ego und Erleben/Handeln zuordnen lassen. Allerdings kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass solche Konstruktionen einfach fehlen. Diese systemintern erzeugten Konstruktionen von Sachverhalten und Personen dienen den Beteiligten als Kristallisationspunkte für die Bildung von Erwartungen und Erwartungserwartungen, welche für die Selektion weiterer kommunikativer Anschlüsse eine ausreichende Orientierung geben. Eine Restunsicherheit bleibt aber immer bestehen und lässt sich auch nicht eliminieren. Unabhängig davon wie in einer konkreten Situation beobachtet wird, zeigt sich hier noch einmal, dass durch das fortlaufende Unterscheiden zwischen Information und Mitteilung für den weiteren Anschluss geradezu zwangsläufig und unvermeidlich Sachverhalte und Personen für die Beteiligten entstehen. Ohne diese Konstruktionen wäre jegliche Koordination von sozialem Handeln bei divergentem psychischem Erleben unmöglich.

Die systemintern erzeugten Konstruktionen von Sachverhalten und Personen bieten den Beteiligten zugleich auch das notwendige Irritationspotential um im Kontext von situationsspezifischen Themen, Zielen oder Funktionen unterscheiden zu können, was ein passender oder unpassender Anschluss sein könnte. Anders ausgedrückt, liefern Sachverhalte und Personen Kriterien zu wechselseitigen Einschränkung von Freiheitsgraden. Obwohl der Unterschied zwischen Information und Mitteilung im Prinzip ausreicht um die Konstitution von gleichsam strukturellen Kondensaten in Form von Sachverhalten und Personen entlang der Schematismen Alter/Ego und Erleben/Handeln zu beschreiben und wie dadurch soziale und psychische Systeme irritiert werden können, sollen gerade im Hinblick auf Interaktionen im Sinne von Kommunikation unter Anwesenden noch zwei Präzisierungen vorgenommen werden. Diese Präzisierungen werden dem Model des Interaktionsrituals von Randall Collins entnommen (vgl. 2005, S. 48). Als einen Faktor für gelungene Interaktionsrituale nennt Collins die Unterscheidung zwischen Insidern und Outsidern. Diese Unterscheidung ist aber nicht mit der Unterscheidung von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern identisch, denn sie zielt nicht auf formale Organisationen ab, sondern auf den Unterschied zwischen Beteiligten und Nicht-Beteiligten. Und genau in diesem Sinne wird die Unterscheidung von Insidern und Outsidern hier interpretiert. Dieser Unterschied wird besonders im Hinblick auf die Analyse von Inklusions- und Exklusionsprozessen relevant.

Als einen weiteren Faktor für gelungene Interaktionsrituale identifiziert Collins den gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit. Bei der face-to-face-Begegnung muss für das Zustandekommen von Kommunikation nicht nur die Wahrnehmung reflexiv werden sondern auch der gemeinsame Fokus der Aufmerksamkeit an dem sich die Handlungen der Beteiligten orientieren. Der Fokus kann sich auf Sachverhalte oder Personen richten. Collins betont, dass es nicht nur darum gehen kann, dass die Beteiligten einen gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit haben, sondern dass sie sich gelegentlich gegenseitig versichern, was der gemeinsame Fokus der Aufmerksamkeit ist. Das mag mit Blick auf Interaktionen zunächst etwas pedantisch wirken. In konkreten Situationen wird es eher seltener vorkommen, dass man sich durch direktes Nachfragen über den gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit verständigt sondern zumeist indirekt über das gezeigte Engagement der Beteiligten validiert.

Nichts desto trotz verweist die Aufmerksamkeitsfokussierung auf zwei wichtige Irritations- bzw. Störungsquellen für Kommunikationsprozesse. Das ist zum einen die Frage der Interpenetrationsfähigkeit sozialer Systeme. Gelingt es der Kommunikation die Komplexität der Umwelt in ausreichendem Maße systemintern zu konstruieren? Das betrifft sowohl Sachverhalte als auch Personen und bezieht sich auf die impliziten und expliziten Annahmen und Erwartungen der Beteiligten zur Definition der Situation um passende Anschlüsse zu wählen. Von hier aus eröffnet sich das ganze Problemfeld der Lernfähigkeit/Lernunfähigkeit von sozialen und psychischen Systemen. Zum anderen gewinnt die Frage, was im Fokus der Aufmerksamkeit steht, auch im Hinblick auf die Kommunikation unter Abwesenden besondere Bedeutung. Die menschliche Wahrnehmung hat für die Koordination der kommunikativen Anschlüsse unter Anwesenden eine kaum zu unterschätzende Funktion und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen wird der menschliche Körper auf diese Weise zu einer wichtigen Stütze und Irritationsquelle für Interaktionen, da die Augen, das Gehör, die Nase, der Tastsinn und der Geschmacksinn weitere Informationsquellen darstellen, die eine stärkere Kontrolle der Situation gewährleisten als dies bei der Kommunikation unter Abwesenden der Fall ist. Zum anderen kann der Mensch als emotionaler Resonanzkörper bei Anwesenheit intensiver in Anspruch genommen werden als bei Abwesenheit. Das beeinflußt maßgeblich die psychische Aufmerksamkeitsfokussierung. Das Problem der Aufmerksamkeitsfokusierung ist seit der Erfindung des Buchdrucks bekannt und die literarischen Darstellungsformen haben versucht diese besonderen Schwierigkeiten bei Kommunikation unter Abwesenden zu berücksichtigen. Trotzdem wird die Kommunikation bzw. die Gesellschaft durch die Entstehung der elektronischen Medien vor neue Herausforderungen gestellt, die sich besser verstehen lassen, wenn man den Unterschied zwischen der Kommunikation unter Anwesenden und der Kommunikation unter Abwesenden im Hinblick auf den gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit berücksichtigt. 


IV.

Durch Schrift bzw. Buchdruck fand eine räumliche und zeitliche Entkopplung von Kommunikation statt. D. h. an eine schriftliche Mitteilung musste nicht mehr unmittelbar angeschlossen werden, sondern man konnte sich nun einen Tag, eine Woche, einen Monat oder auch Jahre oder Jahrhunderte Zeit lassen um eine Mitteilung wieder aufzugreifen und daran anzuschließen. Die Kommunikationskomponenten Mitteilung und Verstehen wurde in der Zeitdimension entkoppelt (vgl. Luhmann 1997, S. 309f.). Mit dem Entstehen der elektronischen Medien, speziell des Computers und des Internets, findet nun auch eine Entkopplung zwischen der Sach- und der Sozialdimension statt. Mit dem Internet werden Informationen aus den unterschiedlichsten räumlichen und zeitlichen Entstehungskontexten sichtbar - allerdings ohne dass diese Entstehungskontexte noch erkennbar sind (vgl. Luhmann 1997, S. 310). Bei der Kommunikation via Internet kann es also passieren, dass nicht klar ist wer etwas mitteilt und wie die mitgeteilten Informationen zu verstehen sind. Damit werden die elektronischen Medien zu erheblichen Störquellen für Kommunikation und erodieren tendenziell die Funktionsbedingungen von Kommunikation. Luhmann selbst war der Meinung, dass mit den elektronischen Medien eine Grenze erreicht ist, „an der nichts mehr kommunizierbar ist – mit einer Ausnahme: der Kommunikation von Aufrichtigkeit“ (Luhmann 1997, S. 311). Aufgrund der Kommunikationspathologien, die sich via Internet beobachten lassen, muss allerdings bezweifelt werden, dass die Kommunikation von Aufrichtigkeit via Internet noch gelingt. Vielmehr scheint die Anonymität des Internets gerade dieser Möglichkeit jegliche Grundlage zu entziehen.

Es ist auch nicht zu sehen, wie dieses Problem allein durch neue technische Entwicklungen oder geeignete Kommunikationsformen gelöst werden könnte. Jegliche Lösungsstrategie, die diesen Weg einschlägt, wird das Problem der sozialen Entkopplung zwischen Mitteilung und Information nur noch verschärfen. Damit soll allerdings keine kulturkritische Position gegenüber dem Internet bezogen werden. Ungeachtet der Kommunikationspathologien des Internets werden nicht die Vorteile für die Kommunikation unter Abwesenden und deren Koordinationspotentiale übersehen. Die Kommunikation läuft aber tendenziell besser, wenn sich die Kommunikationspartner bereits aus einer persönlichen Begegnung kennen, weil durch persönliche Bekanntschaft leichter verständlich wird, wie eine Mitteilung gemeint sein könnte. Dieser Umstand verweist auf die große Bedeutung von Vertrauen für die Kommunikation – nicht nur via Internet. Durch die Multiplikation der Kontexte, in denen eine Mitteilung verstanden werden kann, wird  das Vertrauen in Kommunikation vor völlig neue Herausforderungen gestellt mit erheblichen Konsequenzen auf die Zurechnungsgewohnheiten für internale und externale Selektionsleistungen. Kommunikation via Internet zeigt, wie leicht Vertrauen missbraucht werden kann. Entsprechend stellt sich die Frage, ob sich bei der Kommunikation via Internet neue Formen der Vertrauensbildung einspielen können. Hinsichtlich der Kommunikation unter Unbekannten via Internet müssen die Chancen eher schlecht eingeschätzt werden, denn jede technische Innovation wird Desintegrationsmöglichkeiten nur noch weiter steigern ohne dass erkennbar wäre in welcher Weise ohne jeglichen räumlichen oder zeitlich Durchgriff noch eine Integration möglich wäre [8]. Das betrifft auch die Integrationschancen über symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (vgl. Luhmann 1997, S. 314f.). Verbreitungsmedien minimieren daher die Erfolgschancen von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien. Zugleich regen sie aber auch die stärkere Forcierung auf bestimmte erfolgversprechende Annahmemöglichkeiten an.

Mithin ist es eine Leistung von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, die Erfolgschancen hoch unwahrscheinlicher Kommunikationsangebote unabhängig von einer bestimmten Interaktionssituation und unabhängig von bestimmten Personen zu gewährleisten. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft ist also selbst bereits eine Reaktion auf die gestiegenen Möglichkeiten räumlicher und zeitlicher Distanzierung zwischen Menschen. Das Internet führt nun in aller Deutlichkeit vor Augen, dass Abwesenheit die Erfolgschancen hoch unwahrscheinlicher Kommunikationsangebote extrem reduziert. Dies zeigt sich unter anderem auch daran, dass die Verfügbarkeit kontingenter Informationen via Internet die Autorität von Experten massiv in Frage stellt (vgl. Luhmann 1997, S. 312). Die einzig konsequente Schlussfolgerung angesichts dieser Problemlage ist es sich wieder stärker auf die vertrauensbildende Funktion der Kommunikation unter Anwesenden rück zu besinnen. Im Hinblick auf die Erfolgschancen konstruktiver Kritik wurde dies bereits in früheren Beiträgen betont. Diese Einsicht wird nun an dieser Stelle bis auf die Ebene der Gesellschaftstheorie generalisiert: Abwesenheit reduziert die Erfolgschancen von Kommunikationsangeboten. Diese Einsicht sollte jedoch nicht als ein Plädoyer für den Verzicht auf elektronische Medien missverstanden werden. Es wird lediglich auf die unüberwindlichen Grenzen der elektronischen Medien für Kommunikation bzw. Gesellschaft hingewiesen. Unter diesem Gesichtspunkt wird schließlich verständlich, warum Luhmann Organisierung und Individualisierung als Lösungsstrategien für diese durch die elektronischen Medien erzeugten Selektionsprobleme identifiziert (vgl. Luhmann 1997, S. 311). Als erfolgversprechend erscheinen diese Lösungsstrategien erst dann, wenn man den Unterschied der Kommunikation unter Anwesenden und der Kommunikation unter Abwesenden mit berücksichtigt.

Und auch für die soziologische Systemtheorie muss diese Konsequenz gezogen werden. Es kann also nicht darum gehen auf die Steigerungslogiken der Moderne hereinzufallen und den Jüngern der Internettechnologie nach dem Mund zu reden. Niklas Luhmann hat eine der komplexesten Theorien der modernen Gesellschaft vorgelegt, die der Soziologie zu Verfügung steht. Ihr Potential ist bis jetzt aber nur ansatzweise ausgeschöpft worden. Was man allerdings heute feststellen kann, ist, dass Luhmann, obwohl er sich von der alteuropäischen Tradition absetzen wollte, in einer Hinsicht nach wie vor in ihr verhaftet blieb. Das ist die Tradition der aufklärerischen Vernunft, die in der systemtheoretischen Beschreibung der modernen Gesellschaft in ihrer bisher radikalsten Form ausgebreitet wurde. Was dabei jedoch auf der Strecke blieb, ist die Rolle des Menschen und sein Verhältnis zur Gesellschaft. Damit ist nicht der alte Gegensatz von Gesellschaft und Individuum gemeint sondern das Verhältnis struktureller Kopplung zwischen Mensch und Gesellschaft. Aufgrund der Rückbesinnung auf die Funktion der Anwesenheit für Vertrauensbildung wird hier die Systemtheorie Niklas Luhmanns einer mikrosoziologischen Lesart unterzogen. 

Dass diese Rückbesinnung auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen stattfindet, zeigt sich aktuell an der Entscheidung der Yahoo-Chefin Marissa Mayer die Home-Office-Arbeitsplätze in der Firma drastisch zu reduzieren und wieder stärker auf die Vorteile der direkten Kontakte zwischen Konzernmitarbeitern zu setzen. Diese Entscheidung unter Macht- und Kontrollaspekten ideologisch diskutieren zu wollen, zeigt, dass die zugrundliegende Problemstellung intensiverer Vertrauensbildung durch Kommunikation unter Anwesenden noch nicht erkannt wurde [9]. Die Einführung von Home Office führt speziell beratende und helfende Tätigkeiten ad absurdum, bei denen der direkte Kontakt ein unverzichtbarer Bestandteil des Tätigkeitsprofils ist. Dies würde zum Beispiel den ganzen Bereich der sozialen Arbeit betreffen aber auch viele Dienstleistungsberufe mit direktem Kundenkontakt. Die vertrauensbildene Funktion der Kommunikation unter Anwesenden ist in vielen Tätigkeiten eine unverzichtbare Erfolgsbedingung - nicht nur im Kontakt mit Kunden sondern auch mit Kollegen. Diese vertauensbildende Funktion der Kommunikation unter Anwesenden zu politisieren muss heute als eine der schwerwiegendsten Pathologien der modernen Gesellschaft betrachtet werden, denn dadurch wird das Vertrauen in Vertrauensbildung massiv erschüttert. Hierbei spielen auch Teile der Sozialwissenschaften eine unrühmliche Rolle. Und das gerade dadurch, dass lediglich auf einem abstrakten gesellschaftstheoretischem Niveau argumentiert wird ohne jegliche empirische Anbindung an das soziologische Bezugsproblem, welches in der Kommunikation unter Anwesenden begründet wird. 
 
Mit diesem Beitrag sollte deutlich geworden sein, dass bei einem genauen Studium von Luhmanns soziologischer Systemtheorie die hier vertretene interaktionstheoretische Lesart durch Luhmann selbst nahegelegt wird. Sowohl die Rekonstruktion des Bezugsproblems der Soziologie als Situation doppelter Kontingenz als auch die Schematismen der Interaktion zur Analyse von Kommunikationsprozessen, aus denen Luhmann dann auch die Bezugsprobleme der einzelnen Funktionssysteme der Gesellschaft rekonstruiert (vgl. Luhmann 1997, S. 334ff.), lassen den Schluss zu, dass die soziologische Systemtheorie mikrosoziologisch fundiert ist (vgl. Walkow 2008, S. 44). Dieser Verbindung zwischen der Mikro- und der Makroebene innerhalb der Systemtheorie Luhmanns ist bisher zu wenig Beachtung geschenkt worden. Der methodische Akzent wird in diesem Blog auf die stärkere Anbindung der gesellschaftstheoretischen Aussagen auf Interaktionssituationen gelegt. Daraus ergeben sich zum einen neue Perspektiven auf den Unterschied zwischen der Kommunikation unter Anwesenden und der Kommunikation unter Abwesenden. Zum anderen rücken damit die Bedeutung der menschlichen Emotionen und ihre Irritationspotentiale für soziale Systeme in den Fokus der Aufmerksamkeit. Auf diese Weise gelingt es zum einen eine differenzierte Sicht auf die Funktion des Internets für die moderne Gesellschaft zu entwickeln, welche die Potentiale der elektronischen Medien nicht unterschätzt und die Grenzen der Kommunikation via Internet nicht überschätzt. Zum anderen gelingt es auf diese Weise Probleme wie Depression und Entfremdung in den Blick zu bekommen. Entscheidend dafür wird eine präzisere Beschreibung der strukturellen Kopplung von Gesellschaft und Menschen sein, die sich in Bezug auf den Kommunikationsprozess als Frage reformuliert, wie soziale Informationen durch Menschen sinnhaft und emotional abgegriffen werden.

Dieser Rückbezug der Gesellschaftstheorie auf den Menschen scheint dringend notwendig zu sein, denn in den gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen setzen sich immer mehr Kommunikationsmodelle durch, die unter dem Eindruck des Internets die Kommunikation unter Abwesenden als neues Ideal progagieren und einer weiteren Technisierung von Kommunikationsprozessen Vorschub leisten, welche die Entfremdung von Kommunikation unter Anwesenden befördert. Dabei wird aber das Problem mit der Lösung verwechselt, denn die technischen Möglichkeiten elektonischer Kommunikationsmöglichkeiten treiben die räumliche Distanzierung der Menschen weiter voran und verschärfen auf diese Weise das Problem der Handlungskoodination bei divergentem Erleben. Desweiteren bedeutet Technisierung von Kommunikationsprozessen nicht nur Zeitgewinn sondern kann auch zur Versuchen führen die menschliche Umwelt zu trivialisieren. Und diese Vorstellung einer asymmetrischen gleichsam parasitären Beziehung [10] zwischen Mensch und Technik wird dann wieder an die Beziehungen zwischen Menschen herangetragen.

Aber auch diese Rückbesinnung wird die Komplexität der soziologischen Gesellschaftsbeschreibung weiter steigern. Es wird damit aber zumindest die Hoffnung verbunden kommunikative Rationalität und menschliche Emotionalität wieder miteinander versöhnen zu können. Zugleich wird auch deutlich, warum soziologische Theoriebildung ständig der Gefahr ausgesetzt ist in der Gorgonenbetrachtung stecken zu bleiben. Die Beobachtung der Situation doppelter Kontingenz und laufender Interaktionssequenzen gleicht einem ungeschützem Blick in die Sonne. Von beidem kann man erblinden. Das Prisma der Soziologie ist eine komplexe Theorie, die in der Lage ist den Kommunikationsfluss in seine einzelnen Spektralfarben aufzusplitten. Ob die Resultate auch durch die nicht-wissenschaftliche Umwelt angenommen werden, erscheint relativ unwahrscheinlich. 

Gleichwohl lassen sich mit Hilfe der soziologischen Systemtheorie Problemlösungsstrategien beobachten, welche der modernen Bedingung funktionaler Differenzierung angemessen sind und welche nicht. Auf diese Weise kann der Eindruck gebrochen werden, dass die moderne Gesellschaft nur noch psychisch kranke Menschen produziert. Es lässt sich aber besser verstehen, warum es heute so schwierig ist funktionale bzw. kooperative von pathologischen bzw. kämpferischen Kommunikationsstilen zu unterscheiden. Beides sind Anpassungsleistungen an die Kommunikationsbedingungen funktionaler Differenzierung. Damit sich das Zusammenleben der Menschen qualitativ verbessern kann, müssten sich die kooperativen Kommunikationsstile evolutionär durchsetzen. Die Tragik der Gesellschaft liegt aber darin, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich kooperative Kommunikationsstile durchsetzen werden, wesentlich geringer ist als die Wahrscheinlichkeit für die Durchsetzung kämpferischer Kommunikationsstile. Denn für Kooperationen ist Empathie, Intelligenz, Geduld, Ausdauer und Energie notwendig, für den Kampf dagegen nicht – es sei denn es handelt sich um den Kampf um und für Kooperation. Vereinfacht ausgedrückt, Kampf ist der einfachere Weg, Kooperation der Schwierigere; Kampf ist parasitär, Kooperation symmetrisch. 

Diese Problemstellung verweist die Aufmerksamkeit soziologischer Beobachter immer wieder auf die strukturelle Kopplung von Mensch und Gesellschaft. Die Frage, die sich viele Sozial- und Geisteswissenschaftler heute stellen müssen, ist, ob sie lediglich das bestätigen wollen, was sowieso zu erwarten ist, nämlich, dass Gesellschaft bzw. Kommunikation eigentlich nicht funktionieren kann oder ob sie sich auf die Suche nach den erfolgreichen Ausnahmefällen machen, die als sozial und emotional intelligente Lösungen des soziologischen Bezugsproblems betrachtet werden können. Das zu unterscheiden, erfordert einen entsprechend komplexen Begriffsapparat. Für einen soziologisch informierten Kampf für Kooperation ist es dann aber auch notwendig geeignete Formen zu finden, mit denen soziologische Beschreibungsangebote der modernen Gesellschaft in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft übersetzt werden können. Darin besteht die gegenwärtige Herausforderung einer soziologischen Aufklärung.





[1] Es sollte klar sein, das hier nicht von einer vollständigen Bestimmung der Situation die Rede ist. Die sinnhafte Bestimmung durch ein Ereignis bleibt immer unvollständig und ambivalent und bietet gerade dadurch einen Anlass zum Weitermachen.
[2] Der Imagebegriff stellt zunächst auf das Beobachtungsverhältnis von Menschen und sozialen Systemen ab. Nichts desto trotz lässt sich der Imagebegriff auch auf die Beobachtungsverhältnisse von sozialen Systemen anwenden. Damit verändert sich aber die ursprüngliche Problemstellung der emotionalen Verbundenheit von Menschen mit ihrem Image und den daraus entstehenden sozialen Irritationen. Sie lässt sich nicht Eins zu Eins auf die Beobachtungsverhältnisse von sozialen Systemen übertragen, weil soziale Systeme keine Gefühle haben. Das damit aufgespannte Problemfeld symbolischer Generalisierungen wird in einem der kommenden Beiträge behandelt.
[3] Das über Luhmanns Verwendung von Spencer-Browns Formenkalkül hinausgehende Potential wird zumeist in der Hoffnung gesehen über das sozialen und psychischen Systemen gemeinsame Medium Sinn soziale Systeme und Menschen berechenbar zu machen und damit zu trivialisieren. Bereits das computergestützte Prozessieren von Semantiken stellt dieses Vorhaben vor unüberwindliche Probleme. Mit den menschlichen Emotionen kommt eine zweite unüberwindliche Hürde dazu.
[4] Ähnlich bereits Emile Durkheim, der zwischen Personen und Dingen unterschied (vgl. 1984, S. 194f.). Aus systemtheoretischer Perspektive muss betont werden, dass sich das Erkenntnisinteresse allein auf die sozialen und psychischen Konstruktionen von Sachverhalten und Personen richtet. Es werden keine Aussagen über die materielle Umwelt getroffen. Gregory Bateson unterscheidet in diesem Zusammenhang im Anschluss an C. G. Jung zwischen creatura und pleroma (vgl. 1981, S. 617f; 1982, S. 14). Während pleroma die physikalische Welt der materiellen Dinge bezeichnet, bezieht sich creatura auf die geistige Welt der Ideen – u. a. Ideen von Personen und Dingen. Die soziologische Beobachtung kann ihre Aufmerksamkeit nur auf die creatura richten – also auf Unterschiede, die im Hinblick auf das soziologische Bezugsproblem Unterschiede machen – und Aussagen über diese treffen. Selbst die Veränderungen der materiellen Welt können nur als Phänomene der creatura begriffen werden, weil Menschen nur im Hinblick auf ihre Vorstellungen von Dingen handeln und nicht aufgrund der wirklichen Eigenschaften von Dingen.  
[5] Soziologisch irrelevant ist der Unterschied ob mit oder ohne Absicht getrollt wird nicht – allerdings nicht im Hinblick darauf, was die Absicht sein könnte oder ob Trolle bewusst oder unbewusst, das tun, was sie tun. Für eine soziologische Analyse ist der Unterschied nur relevant im Hinblick darauf, welche Erwartungen bzw. welches Image durch das beobachtete Verhalten bei den Kommunikationspartnern entsteht. Nimmt man an, dass ein Troll ohne Absicht auf diese Weise kommuniziert, dann wird die Person, die nicht auf ihre Umwelt achtet, als ein Idiot im ursprünglichen Sinne des Wortes beobachtet. Nimmt man dagegen an, dass ein Troll mit Absicht auf diese Weise kommuniziert, dann wird er aufgrund seiner Doppelmoral, die er zwar auf seine Kommunikationspartner anwendet zugleich aber so handelt als ob diese nicht für ihn gelten würde, als Heuchler beobachtet.
Im Rahmen von Goffmans Unterscheidung von Image, kein Image und falschem Image (Goffman , S. 11ff.) entspricht der Idiot dem fehlenden Image, weil es dem Idioten nicht gelingt eine geeignete Verhaltensstrategie zu entwickeln und bei einem Heuchler handelt es sich um ein falsches Image, da er entgegen den geweckten Erwartungen handelt. Ob das mit Absicht geschieht oder nicht spielt dann insofern keine Rolle, weil das Risiko der Exklusion aufgrund dieser Form der Erwartungsbildung unabhängig von dieser Frage entsteht. Im Anschluss daran stellt sich die Frage, ob man sich unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung, die von den Menschen eine gesteigerte Reflexivität bezüglich der eigenen sozialen Beobachtbarkeit verlangt, sich einen derartigen Kommunikationsstil leisten kann?
[6] Das macht Trollen unter funktionalen Gesichtspunkten zu so einem schillernden Phänomen, denn sie zeichnet sich sozial durch ihre Multifunktionalität aus. Dies wurde als Macht, Doppelmoral und Erziehung des Trolls beschrieben. Troll-Kommunikation ist alles und nichts und steigert eben dadurch die Unsicherheit in dem Sinne, dass der Troll als Zurechnungsinstanz für Handlungen keine Erwartbarkeit sichert bzw. nur die Erwartung gesteigerter Unsicherheit. Siehe dazu auch Fußnote 3.
[7] Bei diesen systemintern konstruierten Sachverhalten und Personen handelt es sich annährungsweise um das, was Bruno Latour im Anschluss an Michel Serres als Quasi-Objekte und Quasi-Subjekte bezeichnet (vgl. Latour 2008, S. 70ff.). Auch Luhmann nimmt im Zusammenhang von Gedächtnisbildung auf Serres‘ Quasi-Objekte Bezug, weist aber darauf hin, dass es sich bei Quasi-Objekten um Formen der Gedächtnisbildung handelt, die vorwiegend in schriftlosen, tribalen Gesellschaften zu finden sind (vgl. Luhmann 1997, S. 584f.).
Gerade unter diesem Gesichtspunkt erscheint es allerdings fraglich ob der von Latour vorgestellte Ansatz einer symmetrischen Anthropologie geeignet ist um die (nicht-)moderne Gegenwartsgesellschaft zu beschreiben. Aus Luhmanns Perspektive – die hier geteilt wird – bezeichnet der Begriff Quasi-Objekt eine bestimmte Weise der Zuschreibung internaler und externaler Selektionsleistungen und daran anschließender Gedächtnisbildung, die sich nur in archaischen Stammesgesellschaften finden lässt. Latours Argument, um die These zu stützen, das wir nie modern gewesen sind, beruht auf der Annahme, dass es keine Unterschiede in der Art und Weise der Zurechnung internaler und externaler Selektionsleistungen zwischen archaischen Stammesgesellschaften und der modernen Gesellschaft gibt (vgl. 2008, S. 104f.). Aus der Perspektive der soziologischen Systemtheorie kann dieser These nicht gefolgt werden, denn die systemtheoretische Unterscheidung von segmentär, stratifikatorisch und funktional differenzierten Gesellschaften enthält auch die Annahme, dass sich die Zurechnungsformen von internalen und externalen Selektionsleistungen gravierend geändert haben.
Wenn Latour dies negiert um die Unterschiede zwischen der vormodernen und modernen Gesellschaft zu nivellieren, dann überträgt er im Grunde nur die Zurechnungsformen archaischer Stammesgesellschaften auf die moderne Gesellschaft. Mit anderen Worten, Latour betrachtet die moderne Gesellschaft mit dem vormodernen Blick eines Stammesangehörigen. Dann überrascht es nicht mehr, dass Latour seinen Handlungsbegriff soweit ausdünnt um ihn wieder auf Dinge und Objekte anwenden zu können. Handeln wird zum Mysterium. Dabei handelt es sich um eine vormoderne gleichsam magische Zurechnungsweise, die auch Dingen und Objekten der natürlichen und technischen Umwelt Selbstreferenz bzw. autonome Handlungsfähigkeit zugesteht. Auch wenn die Akteure ihre Erlebnisse so beschreiben sollten, zeigt sich an dieser Stelle, wieso es sich eine Sozialtheorie nicht leisten kann einfach unkritisch den Akteuren zu folgen. Das hieße ihre Beschreibung der Wirklichkeit als die eigene zu übernehmen und die eigene Theorie dieser Wirklichkeit der Akeure anzupassen. Die Theorie ist dann aber nur noch eine Apologie der von den Akteuren beschriebenen Wirklichkeit.
Obwohl Latour auf sozialwissenschaftliche, naturwissenschaftliche und metaphysische Konzepte zurückgreift, begründet er eine Art Schamanismus im wissenschaftlichen Gewand. Indem er Personen und Sachverhalte im Begriff des Quasi-Objektes bzw. im Begriff des Aktanten gleichsetzt, versucht Latour die Eröffnung und Schließung von Handlungsmöglichkeiten vom Objekt bzw. vom Beobachteten her zu verstehen (vgl. Latour 2010, S. 94ff.). Das Ergebnis ist ein naiver Konstruktivismus, der Dingen – genauer Ideen von Dingen! – Handlungsträgerschaft zuschreibt um die Integration zwischen den Ideen von Sachverhalten und Personen zu beschreiben. Durch dieses Denken vom Objekt her (vgl. Latour, S. 203f.) kommt es fortlaufend zur Verwechslung zwischen creatura und pleroma
Es ist sehr zweifelhaft, ob dieser Weg eine angemessene Strategie ist um der Herausforderung einer soziologischen Beschreibung der modernen Gesellschaft gerecht zu werden. Vielmehr scheint es sich hier um eine Art regressiver Problemlösungsstrategie zu handeln um mit der Überforderung moderner Komplexität umzugehen. Die vorgeschlagene Methode der ANT verführt lediglich dazu die Karte immer weiter dem Gebiet an zu nähren und sich in der Komplexität der Welt bzw. den unendlichen Verzweigungen der Assoziationen zu verlieren. Dann ist wirklich alles sozial und zugleich ist nichts sozial (vgl. Latour 2010, S. 185f.). Das ist die mystische Art des Schamanen auszudrücken, dass die physikalische Welt nur über die geistige Welt der Ideen von ihr erfahrbar wird und dass die Ideen und Erwartungen bezüglich der physikalischen Welt auch enttäuscht werden können. Mystik ist natürlich keine Wissenschaft. So ist man gezwungen Metaphern wörtlich zu nehmen und die Theoriebildung daran auszurichten (vgl. Latour 2010, S. 179). Dabei geht jedoch diese wichtige Einsicht verloren. Dann ist es schon ein Erfolgerlebnis wenn man Muster erkennt, die Netzen ähneln.
Aus der Sicht von Kommunikationswissenschaftlern und Systemtheoretikern ist offensichtlich, dass Latour in seiner naiven und unbeholfenen Art versucht die Modulationen von Bedeutungen zwischen Kontexten (Bateson) oder Rahmen (Goffman) zu beschreiben. Wenn allerdings die Funktion solcher Kontexte bestritten wird, dann muss sich Latour die Frage gefallen lassen, zu welchem Tun die Unterschiede, die im Rahmen der ANT Unterschiede machen, eigentlich bewegen sollen? Dass man sich dann plötzlich mitten in der Politik und nicht mehr in der Wissenschaft wiederfindet, kann dann nicht mehr wirklich überraschen. Wer die pleroma vor ihren vielfältigen Deutungen beschützen will (vgl. Latour 2010, S. 203), wird in der Wissenschaft kaum Verbündete finden. Das Ansinnen gute von schlechten Konstruktionen unterscheiden zu wollen (vgl. Latour 2010, S. 154), kann nämlich unter politischen Vorzeichen sehr schnell in Zensur mutieren.
[8] Eine Ausnahme bildet hier Internettelefonie á la Skype, die versucht Kommunikation unter Abwesenden stärker an Kommunikation unter Anwesenden annährt indem wieder die Wahrnehmung des Wahrgenommen-Werden ermöglicht wird. Nichts desto trotz bleibt das Problem des fehlenden räumlichen und zeitlichen Durchgriffs auf den Kommunikationspartner bestehen. 
[9] Das gilt auch für das Problemfeld der Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben. Selbstverständlich darf das Berufsleben das Privatleben nicht verdrängen. Trotzdem werden die Erfordernisse eines sinnvollen Ausgleichs vom Tätigkeitsprofil der Arbeitsstelle bestimmt. Wenn dazu die Anwesenheit des Angestellten gehört, sind diesem Ausgleich bereits klare Grenzen gesetzt. Vermutlich gilt dieses Erfordernis sogar für die meisten Berufe. Bereits die Berücksichtigung der Differenz zwischen körperlicher und geistiger Arbeit würde einen Differenzierungsgrad in das Themenfeld bringen, dass eine Pauschalisierung weitestgehend verbietet, denn dann würde sich zeigen, dass die Lösungsmöglichkeiten der Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben sehr stark von der jeweiligen Tätigkeit abhängen. Pauschalisierung verführt zu Ideologisierung, denn sie ermöglicht nur eine Zuspitzung auf Gegensätze wie die Geschlechterdifferenz. Deshalb ist es nötig zu fragen, wie die praktischen Lösungen aussehen sollen. Denn dann würde sich zeigen, dass nationalstaatliche Lösungen kaum dem Grad der gegenwärtigen Arbeitsteiligkeit einer Nationalökonomie gerecht werden - ganz zu schweigen von der Weltgesellschaft. Politikern und solche, die eine politische Lösung präferieren, wird das natürlich nicht gefallen, denn damit bricht ein wichtiges Feld der Selbstlegitimation weg. Man sollte sich trotzdem nicht von guten Absichten blenden lassen. 
[10] Parasitär im Sinne von Michel Serres, der mit parasitär eine unumkehrbare, unidirektionale Beziehung bezeichnet (vgl. 1987), wie z. B. die zwischen Subjekt und Objekt.


Literatur 
Bateson, Gregory (1981): Krankheiten der Erkenntnistheorie. In: ders: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt am Main. S. 614 – 626 
Bateson, Gregory (1982): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt am Main 
Collins, Randall (2005): Interaction Ritual Chains. Princeton
Durkheim, Emile (1984): Die Regeln der soziologischen Methode. Frankfurt am Main
Goffman, Erving (1986): Techniken der Imagepflege, in ders: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation, Frankfurt am Main, S. 10 – 53
Latour, Bruno (2008): Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main
Latour, Bruno (2010): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt am Main
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main
Luhmann, Niklas (1991): Sthenographie und Euryalistik. In: Gumbrecht, Hans Ulrich/Pfeiffer, K. Ludwig (Hrsg.): Paradoxien, Dissonanzen und Sinnzusammenbrüche. Frankfurt am Main. S. 58 - 82
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main
Luhmann, Niklas (2005a): Erleben und Handeln. In: ders: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. Wiesbaden 4. Auflage. S. 77 - 92
Luhmann, Niklas (2005b): Schematismen der Interaktion. In: ders: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. Wiesbaden 4. Auflage. S. 93 – 114
Serres, Michel (1987): Der Parasit. Frankfurt am Main
Spencer-Brown, George (1997): Laws Of Form. Gesetze der Form, Lübeck
Tarde, Gabriel (2009): Monadologie und Soziologie. Frankfurt am Main 
Walkow, Roland (2008): Über Form und Funktionswandel von Ritualen. Rituale im Spiegel ausgewählter Theorien. Saarbrücken

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank und Glückwunsch für diesen Artikel!
    Gerade der Verweis auf die "Doppelte Kontingenz" lässt durchaus die "mikrosoziologische" Entfaltung der Luhmann'schen Theorie umfänglich zu.
    Am Sprachstil, am "kämpferischen" Sprach-Duktus UND am Gebrauch von Begriffen im jeweiligen Kontext, insbesondere aber auch an der Resonanz, lässt sich sinnhaltige, auf Kooperation ausgerichtete Kommunikation von reiner auf informative Selbstdarstellung ausgerichteter Kommunikation unterscheiden. Letzterer fehlt es in der Regel an Selbstreferenz und damit auch an -wie auch immer gearteter- ernsthafter Kooperationsbereitschaft. Was sich u.a. auch darin offenbart, dass in allen drei Sinndimensionen, sowohl im Hinblick auf Sach-, Zeit- und Sozialdimension, relativ rasch das Interesse am Thema und an konditionierter Ko-Produktion verloren geht. Erkennbar auch daran, dass insbesondere bei gezielten Verständnis-Nachfragen Antworten ausbleiben und ggf. die Kommunikation ganz abbricht.

    Die so entstehenden Imbalancen, die sich auch als Inklusions/Exklusions-Imbalancen mit mangelnder Anschlussfähigkeit - schlichtweg auch durch Sprachbarrieren und mangelnder Analog-Übersetzung von fachspezifischer Terminologie manifestieren - lassen sich m.E. ebenfalls auch als beobachtbare Phänomene in doppelter Kontingenz zurückspiegeln.








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  2. Vielen Dank. Ja, in die angedeutete Richtung lässt sich das Anschluss-/Verstehen-Problem weiter entfalten.

    Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, was für Phänomene mit informativer Selbstdarstellung gemeint sind. Hinsichtlich mangelnder Kooperationsbereitschaft würde ich zunächst von zu viel statt zu wenig Selbstreferenz ausgehen. Für Kooperation ist ja auch ein gewisses Maß an Umweltsensibilität - also Fremdreferenz - nötig.

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  3. Was ich an Imbalancen mit mangelnder Anschlussfähigkeit meinte, waren weniger die mannigfaltigen Störmuster offensichtlicher "Vertrauensbrüche" und damit auch sinnentleerender Pathologien in der sozialen Kommunikation - Thema u.a. auch Trolle, aber auch die gesamten virtuellen "Freundschafts"- , aber auch beruflichen Kontakt-Foren.
    Woraus relativ rasch auch klar wird, dass die Risiken informativer Selbstdarstellung bei Nutzung dieser modernen Kommunikationsmedien offensichtlich vollkommen unterschätzt und selbst bei Nicht-Preisgabe von persönlichen Daten, anhand der Selektion von Themen und des unterschiedlichen Sprachduktus das weit tiefer liegende "solipsistische" Elend der jeweiligen Sender von Information erweist. Mit den unterschiedlichsten Störmustern in der breitesten Spannweite von hochaggressiv kämpferisch bis allzu freundschaftlich selbstentblößend loyal lassen sich die zweiwertigen Muster, denen die Fremdreferenz fehlt, bzw. auf die offenbar nicht flexibel reagiert werden kann relativ gut beobachten. Sozusagen als im virtuellen Raum mehr oder minder frei flottierende "Massenteilchen" von psychischen Systemen, die auf unterschiedlichsten
    Ebenen in der virtuellen Scheinwelt sozialen Anschluß suchen, aber im Endeffekt -von Ausnahmen abgesehen- auf mangelnde soziale Anschlußfähigkeit stoßen. Dies erscheint mir allerdings weniger ein technisches Problem, sondern ein Problem des je eigenen Umgangs mit der neuen Medien zu sein.

    Hierin stimme ich Ihnen weitestgehend zu:
    "Die Tragik der Gesellschaft liegt aber darin, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich kooperative Kommunikationsstile durchsetzen werden, wesentlich geringer ist als die Wahrscheinlichkeit für die Durchsetzung kämpferischer Kommunikationsstile. Denn für Kooperationen ist Empathie, Intelligenz, Geduld, Ausdauer und Energie notwendig, für den Kampf dagegen nicht – es sei denn es handelt sich um den Kampf um und für Kooperation. Vereinfacht ausgedrückt, Kampf ist der einfachere Weg, Kooperation der Schwierigere; Kampf ist parasitär, Kooperation symmetrisch"


    Kooperation ist gewiss der weitaus schwierigere Weg. Denn hierbei dreht es um "Sprach-Handeln", insofern darum Reden (in Schriftform) und Handeln aus den unterschiedlichsten Perspektiven, auch unter den unterschiedlichsten individuellen Konstitutionen und Vorkenntnissen zusammenzubringen.
    Was notwendigerweise bei allen Beteiligten auch die Bereitschaft voraussetzt, weiter differenzierend in die Tiefe zu gehen,
    den eigenen Standort, Ansatz und Ziel-Vorstellungen als Beobachter zum jeweiligen Thema zu erklären.
    Und letztlich auch Kompromisse einzugehen und mitunter eigene Vorstellungen und Bewertungen ganz radikal bis zu den "Eigenwerten" zurück zu reduzieren.

    Kooperation würde ich aber nicht als "symmetrisch" bezeichnen wollen. Denn Symmetrie wäre ein Nullsummenspiel und bedeutet Stagnation der Kommunikation, aus der heraus sich nichts entwickeln kann. (vgl. Axelrod "Die Evolution der Kooperation")

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  4. Ich stimme vollkommen zu, dass der erfolgreiche soziale Anschluss im Netz eine Sache des eigenen Umgangs mit den neuen Medien ist. Worauf ich allerdings im Text hinweisen wollte, ist das Problem, dass inzwischen Sozialmodelle im Umlauf sind, die aufgrund der technischen Vermittlung und fehlenden Sichtbarkeit des Kommunikationspartners ein eher technisches Verständnis der Kommunikation zugrunde legen. Und genau dieses technische Subjekt-Objekt-Verständnis beeinträchtigt die Fähigkeit sich von der Umwelt irritieren zu lassen. Es ging mir damit in Stück weit darum eine Reflektion des eigenen Umgangs mit den neuen Medien anzuregen.

    Symmetrisch habe ich dann im Unterschied zu parasitär verwendet um darauf aufmerksam zu machen, dass die parasitäre Subjekt-Objekt-Beziehung bei Kommunikation immer wechselseitig zwischen den Kommunikationspartnern besteht. Dann stellt sich die Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern zunächst als symmetrisch dar. Ich habe das auch nur mit Blick auf bestimmte Theorieansätze geschrieben, die mit dem Symmetriebegriff arbeiten – zu allererst natürlich Latours symmetrische Anthropologie.

    Zweifellos ist Kooperation mit Symmetrie nur unzureichend beschrieben. Es hängt allerdings davon ab, welcher Aspekt einer zwischenmenschlichen Beziehung als symmetrisch beschrieben wird. Schaut man zunächst auf die Rollenverteilung, dann lassen sich zwei Konstellationen unterscheiden: die Beteiligten treten sich in denselben Rollen gegenüber oder die Beteiligten treten sich in komplementären Rollen gegenüber. Ersteres ließe sich dann schon als eine symmetrische Beziehung beschreiben. Wobei weder Symmetrie noch Komplementarität an sich besonders förderlich oder besonders hinderlich für Kooperation sind. Um die Deutungshoheit des Selbst kann in beiden Konstellationen gerungen bzw. gekämpft werden. Der größte emotionale Gewinn für alle Beteiligten würde sich aber nur im unwahrscheinlichsten Fall einstellen – eben der Kooperation um die Deutungshoheit des Selbst im Sinne wechselseitiger Anerkennung. In der Realität wird es vermutlich immer genug sinnhafte und emotionale Reibungspunkte geben, dass selbst bei Kooperation nicht so schnell mit einem Rückfall in einen entropischen Zustand zu rechnen ist. Um das für konkrete Situationen nachvollziehen zu können, würde ich eine Situation unter dem Aspekt der Interpenetration analysieren.

    Falls noch nicht bekannt, siehe für die Verwendung der Unterscheidung von Kampf/Kooperation auch den letzten Absatz hier: http://beobachter-der-moderne.blogspot.com/2012/10/beobachtbarkeit-als-risiko-und-gefahr.html

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